I, q. 88 a. 2
Ob unser Intellekt immaterielle Substanzen durch die Erkenntnis materieller Dinge verstehen kann?
Quaestio 88 · Wie die menschliche Seele das erkennt, was über ihr ist.
Einwand 1: Es scheint, dass unser Intellekt immaterielle Substanzen durch die Erkenntnis materieller Dinge erkennen kann. Denn Dionysius sagt (Coel. Hier. i), dass „der menschliche Geist nicht zur immateriellen Betrachtung der himmlischen Hierarchien erhoben werden kann, wenn er nicht durch materielle Führung gemäß seiner eigenen Natur dorthin geleitet wird.“ Also können wir durch materielle Dinge geleitet werden, um immaterielle Substanzen zu erkennen.
Einwand 2: Ferner wohnt die Wissenschaft im Intellekt. Aber es gibt Wissenschaften und Definitionen von immateriellen Substanzen; denn Damascenus definiert einen Engel (De Fide Orth. ii, 3); und wir finden, dass Engel sowohl in der Theologie als auch in der Philosophie behandelt werden. Also können immaterielle Substanzen von uns verstanden werden.
Einwand 3: Ferner gehört die menschliche Seele zur Gattung der immateriellen Substanzen. Aber sie kann von uns durch ihren Akt verstanden werden, durch den sie materielle Dinge versteht. Also können auch andere materielle [sic; gemeint: immaterielle] Substanzen von uns durch ihre materiellen Wirkungen verstanden werden.
Einwand 4: Ferner ist die einzige Ursache, die nicht durch ihre Wirkungen begriffen werden kann, jene, die unendlich weit von ihnen entfernt ist, und dies kommt Gott allein zu. Also können andere geschaffene immaterielle Substanzen von uns durch materielle Dinge verstanden werden.
Dagegen spricht, dass Dionysius sagt (Div. Nom. i), dass „intelligible Dinge nicht durch sinnliche Dinge verstanden werden können, noch zusammengesetzte Dinge durch einfache, noch unkörperliche durch körperliche.“
Ich antworte darauf, dass Averroes sagt (De Anima iii), ein Philosoph namens Avempace [Ibn-Badja, arabischer Philosoph; gest. 1183] habe gelehrt, dass wir durch das Verständnis natürlicher Substanzen gemäß wahren philosophischen Prinzipien zur Erkenntnis immaterieller Substanzen geführt werden können. Denn da die Natur unseres Intellekts darin besteht, die Quiddität materieller Dinge von der Materie zu abstrahieren, kann alles Materielle, das in jener abstrahierten Quiddität verbleibt, wiederum der Abstraktion unterworfen werden; und da der Prozess der Abstraktion nicht ewig weitergehen kann, muss er schließlich bei irgendeiner immateriellen Quiddität ankommen, die absolut ohne Materie ist; und dies wäre das Verständnis der immateriellen Substanz.
Nun wäre diese Meinung wahr, wenn immaterielle Substanzen die Formen und Spezies dieser materiellen Dinge wären, wie die Platoniker annahmen. Aber wenn man im Gegenteil annimmt, dass immaterielle Substanzen sich gänzlich von der Quiddität materieller Dinge unterscheiden, folgt daraus, dass unser Intellekt, wie sehr er auch die Quiddität materieller Dinge von der Materie abstrahiert, niemals zu etwas gelangen könnte, das der immateriellen Substanz ähnlich ist. Daher sind wir nicht fähig, immaterielle Substanzen durch materielle Substanzen vollkommen zu verstehen.
Antwort auf Einwand 1: Von materiellen Dingen können wir zu einer gewissen Art der Erkenntnis immaterieller Dinge aufsteigen, aber nicht zur vollkommenen Erkenntnis derselben; denn es gibt keine eigentliche und adäquate Proportion zwischen materiellen und immateriellen Dingen, und die Ähnlichkeiten, die von materiellen Dingen für das Verständnis immaterieller Dinge herangezogen werden, sind diesen sehr unähnlich, wie Dionysius sagt (Coel. Hier. ii).
Antwort auf Einwand 2: Die Wissenschaft behandelt höhere Dinge hauptsächlich auf dem Weg der Verneinung. So erklärt Aristoteles (De Coel. i, 3) die Himmelskörper, indem er ihnen niedrigere körperliche Eigenschaften abspricht. Daraus folgt, dass immaterielle Substanzen noch viel weniger von uns in einer Weise erkannt werden können, dass wir ihre Quiddität erkennen; aber wir können eine wissenschaftliche Erkenntnis von ihnen auf dem Weg der Verneinung und durch ihre Beziehung zu materiellen Dingen haben.
Antwort auf Einwand 3: Die menschliche Seele versteht sich selbst durch ihren eigenen Akt des Verstehens, der ihr eigen ist und ihre Kraft und Natur vollkommen zeigt. Aber die Kraft und Natur immaterieller Substanzen kann durch einen solchen Akt nicht vollkommen erkannt werden, noch durch irgendein anderes materielles Ding, weil es keine Proportion zwischen letzterem und der Kraft der ersteren gibt.
Antwort auf Einwand 4: Geschaffene immaterielle Substanzen sind nicht in derselben natürlichen Gattung wie materielle Substanzen, denn sie stimmen weder in der Kraft noch in der Materie überein; aber sie gehören zur selben logischen Gattung, weil auch immaterielle Substanzen unter das Prädikament der Substanz fallen, da ihre Essenz von ihrer Existenz verschieden ist. Aber Gott hat keine Verbindung mit materiellen Dingen, weder hinsichtlich der natürlichen Gattung noch der logischen Gattung; weil Gott in keiner Gattung ist, wie oben dargelegt wurde (Frage [3], Artikel [5]). Daher können wir durch die von materiellen Dingen abgeleitete Ähnlichkeit etwas Positives über die Engel gemäß einem gemeinsamen Begriff erkennen, wenngleich nicht gemäß der spezifischen Natur; wohingegen wir über Gott überhaupt keine solche Erkenntnis erwerben können.