I, q. 80 a. 1
Ob das Strebevermögen eine besondere Kraft der Seele ist?
Quaestio 80 · Von den Strebevermögen im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass das Strebevermögen keine besondere Kraft der Seele ist. Denn für jene Dinge, die den beseelten und den unbeseelten Dingen gemeinsam sind, ist keine eigene Seelenkraft anzusetzen. Das Streben aber ist den beseelten und unbeseelten Dingen gemeinsam: da „alles das Gute begehrt“, wie der Philosoph sagt (Ethic. i, 1). Also ist das Strebevermögen keine besondere Kraft der Seele.
Einwand 2: Ferner werden die Kräfte durch ihre Gegenstände unterschieden. Aber das, was wir begehren, ist dasselbe wie das, was wir erkennen. Also ist die Strebekraft nicht von der Erkenntniskraft verschieden.
Einwand 3: Ferner wird das Gemeinsame nicht vom Eigenen getrennt. Jede Seelenkraft aber begehrt ein bestimmtes begehrenswertes Ding, nämlich ihren eigenen zuträglichen Gegenstand. Daher darf man im Hinblick auf diesen Gegenstand, der das Begehrenswerte im Allgemeinen ist, keine besondere, von den anderen verschiedene Kraft annehmen, die Strebekraft genannt wird.
Dagegen spricht, dass der Philosoph (De Anima ii, 3) das Strebevermögen von den anderen Kräften unterscheidet. Auch Damascener (De Fide Orth. ii, 22) unterscheidet das Strebevermögen von den Erkenntniskräften.
Ich antworte darauf, dass es notwendig ist, der Seele eine Strebekraft zuzuschreiben. Um dies deutlich zu machen, muss man beachten, dass jeder Form eine gewisse Neigung folgt: so ist zum Beispiel das Feuer durch seine Form geneigt, nach oben zu steigen und seinesgleichen zu erzeugen. Nun findet sich die Form in jenen Dingen, die an der Erkenntnis teilhaben, auf vollkommenere Weise als in jenen, denen die Erkenntnis fehlt. Denn in denen, denen die Erkenntnis fehlt, bestimmt die Form jedes Ding nur auf sein eigenes Sein hin, das heißt auf seine Natur. Daher folgt dieser natürlichen Form eine natürliche Neigung, die natürliches Streben genannt wird. In jenen Dingen aber, die Erkenntnis besitzen, ist jedes durch seine natürliche Form zwar auf sein eigenes natürliches Sein hin bestimmt, jedoch in einer solchen Weise, dass es dennoch aufnahmefähig für die Spezies anderer Dinge ist: so empfängt zum Beispiel der Sinn die Spezies aller sinnlichen Dinge und der Intellekt die aller intelligiblen Dinge, so dass die Seele des Menschen durch Sinn und Intellekt gewissermaßen alles ist: und dadurch nähern sich jene Dinge, die Erkenntnis besitzen, gewissermaßen einer Ähnlichkeit mit Gott an, „in Dem alle Dinge präexistieren“, wie Dionysius sagt (Div. Nom. v).
Wie also die Formen in jenen Dingen, die Erkenntnis besitzen, auf eine höhere Weise und über die Weise der natürlichen Formen hinaus existieren, so muss in ihnen eine Neigung sein, die die natürliche Neigung übertrifft, welche natürliches Streben genannt wird. Und diese übergeordnete Neigung gehört zur Strebekraft der Seele, durch welche das Lebewesen fähig ist, das zu begehren, was es erkennt, und nicht nur das, wozu es durch seine natürliche Form geneigt ist. Und so ist es notwendig, der Seele eine Strebekraft zuzuschreiben.
Antwort auf Einwand 1: Das Streben findet sich in den Dingen, die Erkenntnis besitzen, über die allgemeine Weise hinaus, in der es sich in allen Dingen findet, wie wir oben gesagt haben. Daher ist es notwendig, der Seele eine besondere Kraft zuzuschreiben.
Antwort auf Einwand 2: Das Erkannte und das Begehrte sind in der Realität dasselbe, unterscheiden sich aber dem Aspekt nach: denn ein Ding wird als etwas Sinnliches oder Intelligibles erkannt, wohingegen es als zuträglich oder gut begehrt wird. Nun verlangt aber die Verschiedenheit des Aspekts in den Gegenständen, und nicht die materielle Verschiedenheit, eine Verschiedenheit der Kräfte.
Antwort auf Einwand 3: Jede Kraft der Seele ist eine Form oder Natur und hat eine natürliche Neigung zu etwas. Daher begehrt jede Kraft durch das natürliche Streben jenen Gegenstand, der ihr zuträglich ist. Über diesem natürlichen Streben steht das seelische Streben, welches der Erkenntnis folgt und durch welches etwas nicht als dieser oder jener Kraft zuträglich begehrt wird, wie das Sehen für das Gesicht oder der Ton für das Gehör, sondern schlechthin als dem Lebewesen zuträglich.