I, q. 69 a. 2
Ob es angemessen war, dass die Hervorbringung der Pflanzen am dritten Tag stattfand?
Quaestio 69 · Vom Werk des dritten Tages
Einwand 1: Es scheint, dass es nicht angemessen war, dass die Hervorbringung der Pflanzen am dritten Tag stattfand. Denn Pflanzen haben Leben, wie auch die Tiere. Die Hervorbringung der Tiere aber gehört zum Werk nicht der Unterscheidung, sondern des Schmuckes. Daher sollte die Hervorbringung der Pflanzen, da sie ebenfalls zum Werk des Schmuckes gehört, nicht als am dritten Tag stattfindend berichtet werden, welcher dem Werk der Unterscheidung gewidmet ist.
Einwand 2: Ferner hätte ein Werk, durch welches die Erde verflucht wird, getrennt von dem Werk berichtet werden sollen, durch welches sie ihre Form empfängt. Aber die Worte von Gen. 3,17: „Verflucht ist die Erde in deinem Werk, Dornen und Disteln soll sie dir hervorbringen“, zeigen, dass durch die Hervorbringung gewisser Pflanzen die Erde verflucht wurde. Daher hätte die Hervorbringung der Pflanzen im Allgemeinen nicht am dritten Tag berichtet werden sollen, der sich mit dem Werk der Formung befasst.
Einwand 3: Ferner, wie Pflanzen fest in der Erde verwurzelt sind, so sind es auch Steine und Metalle, die dennoch im Werk der Formung nicht erwähnt werden. Pflanzen hätten daher nicht am dritten Tag gemacht werden sollen.
Dagegen spricht, dass es heißt (Gen. 1,12): „Die Erde brachte hervor grünes Kraut“, worauf folgt: „Es wurde Abend und Morgen, der dritte Tag.“
Ich antworte darauf, dass am dritten Tag, wie gesagt (Artikel 1), der formlose Zustand der Erde zu einem Ende kommt. Dieser Zustand wird aber als zweifach beschrieben. Einerseits war die Erde „unsichtbar“ oder „leer“, da sie von den Wassern bedeckt war; andererseits war sie „ungestaltet“ oder „öde“, das heißt ohne jene Anmut, die sie den Pflanzen verdankt, die sie gleichsam wie mit einem Gewand bekleiden. So endet also in beiderlei Hinsicht dieser formlose Zustand am dritten Tag: erstens, als „die Wasser an einen Ort gesammelt wurden und das Trockene erschien“; zweitens, als „die Erde grünes Kraut hervorbrachte“. Aber bezüglich der Hervorbringung der Pflanzen weicht Augustinus' Meinung von der anderer ab. Denn andere Kommentatoren betrachten in Übereinstimmung mit dem buchstäblichen Sinn des Textes die Pflanzen als an diesem dritten Tag in ihren verschiedenen Arten in actu (wirklich) hervorgebracht; wohingegen Augustinus (De Gen. ad lit. v, 5; viii, 3) sagt, dass von der Erde gesagt wird, sie habe damals Pflanzen und Bäume in ihren Ursachen hervorgebracht, das heißt, sie empfing damals die Kraft, sie hervorzubringen. Er stützt diese Ansicht durch die Autorität der Schrift, denn es heißt (Gen. 2,4.5): „Dies ist die Entstehungsgeschichte des Himmels und der Erde, als sie geschaffen wurden, an dem Tag, da ... Gott Himmel und Erde machte, und alles Gesträuch des Feldes, bevor es auf der Erde sprosste, und alles Kraut des Ackers, bevor es wuchs.“ Daher fand die Hervorbringung der Pflanzen in ihren Ursachen, innerhalb der Erde, statt, bevor sie von der Erdoberfläche empor sprossten. Und dies wird durch die Vernunft wie folgt bestätigt. In diesen ersten Tagen schuf Gott alle Dinge in ihrem Ursprung oder ihren Ursachen, und von diesem Werk ruhte Er anschließend. Doch danach, indem Er seine Geschöpfe regiert, im Werk der Fortpflanzung, „wirkt Er bis jetzt“. Nun ist die Hervorbringung von Pflanzen aus der Erde ein Werk der Fortpflanzung, und daher wurden sie am dritten Tag nicht in actu hervorgebracht, sondern nur in ihren Ursachen. Jedoch kann in Übereinstimmung mit anderen Schriftstellern gesagt werden, dass die erste Konstitution der Arten zum Werk der sechs Tage gehört, die Reproduktion von Gleichem aus Gleichem unter ihnen aber zur Regierung des Universums. Und die Schrift zeigt dies an in den Worten „bevor es auf der Erde sprosste“ und „bevor es wuchs“, das heißt, bevor Gleiches aus Gleichem hervorgebracht wurde; so wie es jetzt im natürlichen Lauf durch die Produktion von Samen geschieht. Weshalb die Schrift pointiert sagt (Gen. 1,11): „Die Erde bringe hervor grünes Kraut, das Samen trägt“, um die Hervorbringung der Vollkommenheit vollkommener Arten anzuzeigen, aus denen der Samen anderer entstehen sollte. Auch berührt die Frage, wo die Samen-Kraft residieren mag, ob in Wurzel, Stängel oder Frucht, das Argument nicht.
Antwort auf Einwand 1: Das Leben in den Pflanzen ist verborgen, da ihnen Sinneswahrnehmung und Ortsbewegung fehlen, durch welche das Beseelte und das Unbeseelte hauptsächlich unterscheidbar sind. Und daher, da sie fest in der Erde verwurzelt sind, wird ihre Hervorbringung als ein Teil der Formung der Erde behandelt.
Antwort auf Einwand 2: Schon bevor die Erde verflucht wurde, waren Dornen und Disteln hervorgebracht worden, entweder virtuell oder aktuell. Aber sie wurden nicht zur Strafe des Menschen hervorgebracht; als ob die Erde, die er bebaute, um seine Nahrung zu gewinnen, unfruchtbare und schädliche Pflanzen hervorbrächte. Daher heißt es: „Soll sie DIR hervorbringen.“
Antwort auf Einwand 3: Moses legte dem Volk nur solche Dinge vor, die ihren Sinnen offenbar waren, wie wir gesagt haben [Frage 67, Artikel 4; Frage 68, Artikel 3]. Mineralien aber werden auf verborgene Weise im Innern der Erde erzeugt. Zudem scheinen sie kaum spezifisch von der Erde unterschieden zu sein und scheinen Arten derselben zu sein. Aus diesem Grund also erwähnt er sie nicht.