I, q. 60 a. 5
Ob ein Engel durch natürliche Liebe Gott mehr liebt als sich selbst?
Quaestio 60 · Von der Liebe oder Zuneigung der Engel
Einwand 1: Es scheint, dass der Engel Gott durch natürliche Liebe nicht mehr liebt als sich selbst. Denn wie festgestellt wurde (Artikel [4]), beruht natürliche Liebe auf natürlicher Einheit. Nun steht die göttliche Natur weit über der engelhaften Natur. Daher liebt der Engel gemäß der natürlichen Liebe Gott weniger als sich selbst oder sogar als einen anderen Engel.
Einwand 2: Ferner: "Das, weswegen ein Ding so ist, ist es noch mehr." Aber jeder liebt einen anderen mit natürlicher Liebe um seiner selbst willen: weil ein Ding ein anderes als gut für sich selbst liebt. Also liebt der Engel Gott nicht mehr als sich selbst mit natürlicher Liebe.
Einwand 3: Ferner ist die Natur in ihrer Tätigkeit auf sich selbst zentriert; denn wir sehen, dass jedes Wirkende natürlich zu seiner eigenen Erhaltung handelt. Die Tätigkeit der Natur aber wäre nicht auf sich selbst zentriert, wenn sie zu irgendetwas anderem mehr tendieren würde als zur Natur selbst. Also liebt der Engel Gott aus natürlicher Liebe nicht mehr als sich selbst.
Einwand 4: Ferner ist es der Caritas eigen, Gott mehr als sich selbst zu lieben. Aber aus Caritas zu lieben ist den Engeln nicht natürlich; denn "sie ist ausgegossen in ihre Herzen durch den Heiligen Geist, der ihnen gegeben ist", wie Augustinus sagt (De Civ. Dei xii, 9). Also lieben die Engel Gott nicht mehr als sich selbst durch natürliche Liebe.
Einwand 5: Ferner währt die natürliche Liebe, solange die Natur andauert. Aber die Liebe zu Gott mehr als zu sich selbst bleibt nicht in dem Engel oder Menschen, der sündigt; denn Augustinus sagt (De Civ. Dei xiv): "Zwei Lieben haben zwei Städte gemacht; nämlich die Selbstliebe bis zur Verachtung Gottes hat die irdische Stadt gemacht; während die Liebe Gottes bis zur Verachtung seiner selbst die himmlische Stadt gemacht hat." Also ist es nicht natürlich, Gott mehr als sich selbst zu lieben.
Dagegen spricht, dass alle moralischen Vorschriften des Gesetzes aus dem Gesetz der Natur kommen. Aber die Vorschrift, Gott mehr als sich selbst zu lieben, ist eine moralische Vorschrift des Gesetzes. Also gehört sie zum Gesetz der Natur. Folglich liebt der Engel aus natürlicher Liebe Gott mehr als sich selbst.
Ich antworte darauf, dass es einige gab, die behaupteten, ein Engel liebe Gott mit natürlicher Liebe mehr als sich selbst, sowohl hinsichtlich der Liebe der Begierde, indem er das göttliche Gut eher für sich selbst sucht als sein eigenes Gut; als auch, in gewisser Weise, hinsichtlich der Liebe der Freundschaft, insofern er Gott natürlich ein größeres Gut wünscht als sich selbst; weil er natürlich will, dass Gott Gott sei, während er für sich selbst will, seine eigene Natur zu haben. Aber absolut gesprochen liebe er aus der natürlichen Liebe sich selbst mehr als Gott, weil er natürlich sich selbst vor Gott liebe und mit größerer Intensität.
Die Falschheit einer solchen Meinung wird offensichtlich, wenn man nur betrachtet, wohin die natürliche Bewegung in der natürlichen Ordnung der Dinge tendiert; weil die natürliche Tendenz der Dinge, die der Vernunft ermangeln, die Natur der natürlichen Neigung zeigt, die im Willen einer geistigen Natur wohnt. Nun ist in den natürlichen Dingen alles, was als solches natürlich zu einem anderen gehört, hauptsächlich und stärker zu jenem anderen hingeneigt, zu dem es gehört, als zu sich selbst. Eine solche natürliche Tendenz wird aus Dingen ersichtlich, die gemäß der Natur bewegt werden: weil "je nachdem ein Ding natürlich bewegt wird, es eine innewohnende Eignung hat, so bewegt zu werden", wie in Phys. ii, text. 78 festgestellt wird. Denn wir beobachten, dass der Teil sich natürlich selbst aussetzt, um das Ganze zu schützen; wie zum Beispiel die Hand ohne Überlegung dem Schlag zur Sicherheit des ganzen Körpers ausgesetzt wird. Und da die Vernunft die Natur nachahmt, finden wir dieselbe Neigung unter den sozialen Tugenden; denn es geziemt dem tugendhaften Bürger, sich für das öffentliche Wohl des Staates der Todesgefahr auszusetzen; und wäre der Mensch ein natürlicher Teil der Stadt, dann wäre solche Neigung ihm natürlich.
Folglich, da Gott das universale Gut ist und unter diesem Gut sowohl Mensch als auch Engel und alle Geschöpfe begriffen sind, weil jedes Geschöpf in Bezug auf sein ganzes Sein natürlich zu Gott gehört, folgt daraus, dass Engel und Mensch gleichermaßen aus natürlicher Liebe Gott vor sich selbst und mit einer größeren Liebe lieben. Andernfalls, wenn einer von ihnen sich selbst mehr liebte als Gott, würde folgen, dass die natürliche Liebe pervers wäre und dass sie durch die Caritas nicht vervollkommnet, sondern zerstört würde.
Antwort auf Einwand 1: Eine solche Argumentation gilt für Dinge, die adäquat geteilt sind, wovon das eine nicht die Ursache der Existenz und Güte des anderen ist; denn in solchen Naturen liebt jede sich selbst natürlich mehr als die andere, insofern sie mehr eins mit sich selbst ist als mit der anderen. Aber wo das eine die ganze Ursache der Existenz und Güte des anderen ist, wird jenes eine natürlich mehr geliebt als das Selbst; weil, wie wir oben sagten, jeder Teil natürlich das Ganze mehr liebt als sich selbst: und jedes Individuum liebt natürlich das Gut der Art mehr als sein eigenes individuelles Gut. Nun ist Gott nicht nur das Gut einer Art, sondern absolut das universale Gut; daher liebt alles auf seine eigene Weise natürlich Gott mehr als sich selbst.
Antwort auf Einwand 2: Wenn gesagt wird, dass Gott von einem Engel geliebt wird, "insofern" Er gut für den Engel ist: wenn der Ausdruck "insofern" ein Ziel bezeichnet, dann ist es falsch; denn er liebt Gott nicht natürlich für sein eigenes Gut, sondern um Gottes willen. Wenn er die Natur der Liebe seitens des Liebenden bezeichnet, dann ist es wahr; denn es läge nicht in der Natur von irgendjemandem, Gott zu lieben, außer daraus – dass alles von jenem Gut abhängig ist, welches Gott ist.
Antwort auf Einwand 3: Die Tätigkeit der Natur ist nicht bloß hinsichtlich gewisser besonderer Details auf sich selbst zentriert, sondern viel mehr hinsichtlich dessen, was gemeinsam ist; denn alles ist geneigt, nicht bloß seine Individualität zu bewahren, sondern ebenso seine Art. Und viel mehr hat alles eine natürliche Neigung zu dem, was das absolut universale Gut ist.
Antwort auf Einwand 4: Gott, insofern Er das universale Gut ist, von Dem jedes natürliche Gut abhängt, wird von allem mit natürlicher Liebe geliebt. Insofern Er das Gut ist, das seiner Natur nach alle mit übernatürlicher Seligkeit beseligt, wird Er mit der Liebe der Caritas geliebt.
Antwort auf Einwand 5: Da Gottes Substanz und universale Güte ein und dasselbe sind, werden alle, die Gottes Wesen schauen, durch dieselbe Bewegung der Liebe zum göttlichen Wesen hinbewegt, wie es von anderen Dingen unterschieden ist, und gemäß dem, wie es das universale Gut ist. Und weil Er natürlich von allen geliebt wird, insofern Er das universale Gut ist, ist es unmöglich, dass wer Ihn in Seinem Wesen sieht, Ihn nicht lieben sollte. Aber jene, die Sein Wesen nicht schauen, erkennen Ihn durch einige besondere Wirkungen, die manchmal ihrem Willen entgegengesetzt sind. So wird auf diese Weise gesagt, dass sie Gott hassen; doch nichtsdestoweniger, insofern Er das universale Gut aller ist, liebt jedes Ding natürlich Gott mehr als sich selbst.