I, q. 60 a. 2
Ob es in den Engeln eine wählende Liebe gibt?
Quaestio 60 · Von der Liebe oder Zuneigung der Engel
Einwand 1: Es scheint, dass es in den Engeln keine wählende Liebe gibt. Denn die wählende Liebe scheint eine rationale Liebe zu sein; da die Wahl der Beratung folgt, welche in einer Untersuchung liegt, wie in Ethic. iii, 3 gesagt wird. Die rationale Liebe aber wird der geistigen (intellektuellen) gegenübergestellt, welche den Engeln eigen ist, wie gesagt wird (Div. Nom. iv). Also gibt es keine wählende Liebe in den Engeln.
Einwand 2: Ferner haben die Engel außer der eingegossenen Erkenntnis nur eine natürliche Erkenntnis: da sie nicht von Prinzipien fortschreiten, um die Erkenntnis von Schlussfolgerungen zu erwerben. Daher sind sie zu allem, was sie wissen können, so disponiert, wie unser Intellekt zu den ersten Prinzipien disponiert ist, die er natürlich erkennen kann. Die Liebe aber folgt der Erkenntnis, wie bereits gesagt wurde (Artikel [1]; Frage [16], Artikel [1]). Folglich gibt es in den Engeln außer ihrer eingegossenen Liebe nur natürliche Liebe. Also gibt es keine wählende Liebe in ihnen.
Dagegen spricht, dass wir durch unsere natürlichen Akte weder Verdienst noch Missverdienst erwerben. Durch ihre Liebe aber erwerben die Engel Verdienst oder Missverdienst. Also gibt es eine wählende Liebe in ihnen.
Ich antworte darauf, dass es in den Engeln eine natürliche Liebe und eine wählende Liebe gibt. Ihre natürliche Liebe ist das Prinzip ihrer wählenden Liebe; denn was zu dem gehört, was vorausgeht, hat immer die Natur eines Prinzips. Da also die Natur in allem das Erste ist, muss das, was zur Natur gehört, ein Prinzip in allem sein.
Dies ist beim Menschen sowohl hinsichtlich seines Intellekts als auch seines Willens klar ersichtlich. Denn der Intellekt erkennt die Prinzipien auf natürliche Weise; und aus solcher Erkenntnis entsteht im Menschen die Erkenntnis von Schlussfolgerungen, die von ihm nicht natürlich, sondern durch Entdeckung oder durch Lehre erkannt werden. In gleicher Weise wirkt das Ziel im Willen so, wie das Prinzip im Intellekt wirkt, wie in Phys. ii, text. 89 dargelegt wird. Folglich strebt der Wille natürlich nach seinem letzten Ziel; denn jeder Mensch will natürlich die Glückseligkeit: und alle anderen Begierden werden durch dieses natürliche Begehren verursacht; da alles, was ein Mensch will, er um des Zieles willen will. Daher ist die Liebe zu jenem Gut, das ein Mensch natürlich als Ziel will, seine natürliche Liebe; die Liebe aber, die daraus hervorgeht, welche sich auf etwas bezieht, das um des Zieles willen geliebt wird, ist die wählende Liebe.
Es gibt jedoch einen Unterschied seitens des Intellekts und seitens des Willens. Denn wie bereits gesagt wurde (Frage [59], Artikel [2]), kommt die Erkenntnis des Geistes durch die innere Gegenwart des Erkannten im Erkennenden zustande. Es rührt von der Unvollkommenheit der menschlichen geistigen Natur her, dass sein Geist nicht gleichzeitig alle Dinge besitzt, die verstanden werden können, sondern nur wenige Dinge, von denen aus er gewissermaßen bewegt wird, andere Dinge zu erfassen. Der Akt des Begehrungsvermögens hingegen folgt der Neigung des Menschen zu den Dingen hin; von denen einige an sich gut sind und folglich an sich begehrenswert sind; andere aber nur in Beziehung zu etwas anderem gut sind und um etwas anderen willen begehrenswert sind. Folglich zeugt es nicht von Unvollkommenheit in der begehrenden Person, wenn sie eine Sache natürlich als ihr Ziel sucht und etwas anderes aus Wahl als auf dieses Ziel hingeordnet. Da also die geistige Natur der Engel vollkommen ist, findet sich in ihnen nur natürliche und keine schlussfolgernde Erkenntnis, aber es findet sich in ihnen sowohl natürliche Liebe als auch wählende Liebe.
Indem wir all dies sagen, übergehen wir alles, was Dinge betrifft, die über der Natur sind, da die Natur nicht deren hinreichendes Prinzip ist: aber wir werden später darüber sprechen (Frage [62]).
Antwort auf Einwand 1: Nicht alle wählende Liebe ist rationale Liebe, insofern rational von intellektueller Liebe unterschieden wird. Denn rationale Liebe wird jene genannt, die der schlussfolgernden Erkenntnis folgt: aber wie oben gesagt wurde (Frage [59], Artikel [3], ad 1), als vom freien Willen gehandelt wurde, folgt nicht jede Wahl einem diskursiven Akt der Vernunft; sondern nur die menschliche Wahl. Folglich folgt die Schlussfolgerung nicht.
Die Antwort auf den zweiten Einwand ergibt sich aus dem Gesagten.