I, q. 55 a. 3
Ob die höheren Engel durch universalere Spezies erkennen als die niederen?
Quaestio 55 · Vom Medium der engelhaften Erkenntnis
Einwand 1: Es scheint, dass die höheren Engel nicht durch universalere Spezies erkennen als die niederen. Denn das Universale ist anscheinend das, was von den Einzeldingen abstrahiert ist. Aber Engel erkennen nicht durch von den Dingen abstrahierte Spezies. Also kann nicht gesagt werden, dass die Spezies des englischen Intellekts mehr oder weniger universal sind.
Einwand 2: Ferner ist das, was im Detail erkannt wird, vollkommener erkannt als das, was der Gattung nach erkannt wird; denn etwas der Gattung nach zu erkennen, ist gewissermaßen ein Mittelding zwischen Potenz und Akt. Wenn also die höheren Engel durch universalere Spezies erkennen als die niederen, folgt daraus, dass die höheren eine unvollkommenere Erkenntnis haben als die niederen; was nicht angemessen ist.
Einwand 3: Ferner kann dasselbe nicht der eigentümliche Typus vieler Dinge sein. Wenn aber der höhere Engel verschiedene Dinge durch eine universale Form erkennt, die der niedere Engel durch mehrere spezielle Formen erkennt, folgt daraus, dass der höhere Engel eine universale Form gebraucht, um verschiedene Dinge zu erkennen. Also wird er nicht fähig sein, eine eigentümliche Erkenntnis eines jeden zu haben; was unziemlich erscheint.
Dagegen spricht, dass Dionysius sagt (Coel. Hier. xii), die höheren Engel hätten eine universalere Erkenntnis als die niederen. Und im Buch De Causis wird gesagt, dass die höheren Engel universalere Formen haben.
Ich antworte darauf, Aus diesem Grund sind einige Dinge von erhabenerer Natur, weil sie dem Ersten, welches Gott ist, näher und ähnlicher sind. Nun ist in Gott die ganze Fülle der intellektuellen Erkenntnis in einem einzigen Ding enthalten, nämlich in der göttlichen Wesenheit, durch welche Gott alle Dinge erkennt. Diese Fülle der Erkenntnis findet sich in den geschaffenen Intellekten auf eine niedrigere Weise und weniger einfach. Folglich ist es für die niederen Intelligenzen notwendig, durch viele Formen das zu erkennen, was Gott durch eine erkennt, und durch umso mehr Formen, je niedriger der Intellekt ist.
Je höher also der Engel ist, durch umso weniger Spezies wird er die ganze Menge der intelligiblen Objekte erfassen können. Deshalb müssen seine Formen universaler sein; jede von ihnen erstreckt sich gleichsam auf mehr Dinge. Ein Beispiel hierfür kann gewissermaßen bei uns selbst beobachtet werden. Denn es gibt einige Menschen, die eine intelligible Wahrheit nicht erfassen können, wenn sie ihnen nicht in jedem Teil und Detail erklärt wird; dies kommt von ihrer Schwäche des Intellekts: während es andere von stärkerem Intellekt gibt, die vieles aus wenigen Dingen erfassen können.
Antwort auf Einwand 1: Es ist dem Universalen akzidentell, von den Einzeldingen abstrahiert zu sein, insofern der es erkennende Intellekt seine Erkenntnis von den Dingen ableitet. Aber wenn es einen Intellekt gibt, der seine Erkenntnis nicht von den Dingen ableitet, wird das Universale, das er erkennt, nicht von den Dingen abstrahiert sein, sondern ihnen gewissermaßen präexistieren; entweder gemäß der Ordnung der Kausalität, wie die universalen Ideen der Dinge im Wort Gottes sind; oder zumindest in der Ordnung der Natur, wie die universalen Ideen der Dinge im englischen Geist sind.
Antwort auf Einwand 2: Etwas universal zu erkennen, kann in zweifacher Weise verstanden werden. Auf eine Weise seitens des erkannten Dinges, nämlich dass nur die universale Natur des Dinges erkannt wird. Ein Ding so zu erkennen, ist etwas weniger Vollkommenes: denn derjenige hätte nur eine unvollkommene Erkenntnis von einem Menschen, der von ihm nur wüsste, dass er ein Lebewesen ist. Auf eine andere Weise seitens des Mittels einer solchen Erkenntnis. Auf diese Weise ist es vollkommener, ein Ding im Universalen zu erkennen; denn der Intellekt, der durch ein einziges universales Mittel jedes der Dinge erkennen kann, die eigentlich darin enthalten sind, ist vollkommener als einer, der dies nicht kann.
Antwort auf Einwand 3: Dasselbe kann nicht der eigentümliche und adäquate Typus mehrerer Dinge sein. Aber wenn er eminent ist, dann kann er als der eigentümliche Typus und die Ähnlichkeit vieler genommen werden. So wie im Menschen eine universale Klugheit in Bezug auf alle Akte der Tugenden ist; welche als der eigentümliche Typus und die Ähnlichkeit jener Klugheit genommen werden kann, die im Löwen zu Akten des Großmuts führt und im Fuchs zu Akten der Vorsicht; und so weiter bei den übrigen. Die göttliche Wesenheit wird aufgrund ihrer Eminenz in gleicher Weise als der eigentümliche Typus jedes darin enthaltenen Dinges genommen: daher wird jedes Ding ihr gemäß seinem eigentümlichen Typus angeglichen. Dasselbe gilt für die universale Form, die im Geist des Engels ist, so dass aufgrund ihrer Vortrefflichkeit viele Dinge durch sie mit einer eigentümlichen Erkenntnis erkannt werden können.