I, q. 55 a. 1
Ob die Engel alles durch ihre Substanz erkennen?
Quaestio 55 · Vom Medium der engelhaften Erkenntnis
Einwand 1: Es scheint, dass die Engel alles durch ihre Substanz erkennen. Denn Dionysius sagt (Div. Nom. vii), dass „die Engel gemäß der eigentümlichen Natur des Geistes die Dinge erkennen, die auf Erden geschehen.“ Die Natur des Engels aber ist seine Wesenheit. Also erkennt der Engel die Dinge durch seine Wesenheit.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Metaph. xii, text. 51; De Anima iii, text. 15): „Bei den Dingen, die ohne Materie sind, ist der Intellekt dasselbe wie das Erkannte.“ Das Erkannte ist aber dasselbe wie der Erkennende, hinsichtlich dessen, wodurch es erkannt wird. Also ist bei den Dingen ohne Materie, wie es die Engel sind, das Mittel, wodurch das Objekt erkannt wird, die Substanz des Erkennenden selbst.
Einwand 3: Ferner ist alles, was in einem anderen enthalten ist, dort nach der Weise des Enthaltenden. Ein Engel aber hat eine intellektuelle Natur. Also ist alles, was in ihm ist, auf intelligible Weise dort. Aber alle Dinge sind in ihm: weil die niedrigeren Ordnungen der Wesen wesenhaft in den höheren sind, während die höheren in den niedrigeren durch Teilhabe sind: und deshalb sagt Dionysius (Div. Nom. iv), dass Gott „das Ganze im Ganzen umschließt“, d.h. alles in allem. Also erkennt der Engel alle Dinge in seiner Substanz.
Dagegen spricht, dass Dionysius sagt (Div. Nom. iv), „die Engel werden durch die Formen der Dinge erleuchtet.“ Also erkennen sie durch die Formen der Dinge und nicht durch ihre eigene Substanz.
Ich antworte darauf, Das Mittel, durch welches der Intellekt erkennt, verhält sich zum erkennenden Intellekt wie dessen Form, weil das Agens durch die Form handelt. Damit nun das Vermögen durch die Form vollkommen vervollständigt werde, ist es notwendig, dass alle Dinge, auf die sich das Vermögen erstreckt, unter der Form enthalten seien. Daher kommt es, dass bei den Dingen, die vergänglich sind, die Form die Potenz der Materie nicht vollkommen vervollständigt: weil die Potenz der Materie sich auf mehr Dinge erstreckt, als unter dieser oder jener Form enthalten sind. Die intellektive Kraft des Engels aber erstreckt sich auf das Erkennen aller Dinge: weil der Gegenstand des Intellekts das universale Sein oder die universale Wahrheit ist. Die Wesenheit des Engels jedoch umfasst nicht alle Dinge in sich, da sie eine auf eine Gattung und Art beschränkte Wesenheit ist. Dies ist der göttlichen Wesenheit eigen, die unendlich ist, nämlich alle Dinge einfach und vollkommen in sich zu umfassen. Deshalb erkennt Gott allein alle Dinge durch seine Wesenheit. Ein Engel aber kann nicht alle Dinge durch seine Wesenheit erkennen; und sein Intellekt muss durch einige Spezies vervollkommnet werden, um die Dinge zu erkennen.
Antwort auf Einwand 1: Wenn gesagt wird, dass der Engel die Dinge gemäß seiner eigenen Natur erkennt, so bestimmen die Worte „gemäß“ nicht das Mittel einer solchen Erkenntnis, da das Mittel die Ähnlichkeit des erkannten Dinges ist; sondern sie bezeichnen die Erkenntniskraft, die dem Engel von seiner eigenen Natur her zukommt.
Antwort auf Einwand 2: Wie der Sinn im Akt das Sinnfällige im Akt ist, wie in De Anima ii, text. 53 dargelegt wird – nicht so, dass die sensitive Kraft das im Sinn enthaltene Abbild des sinnlichen Objekts wäre, sondern weil eines aus beidem wird wie aus Akt und Potenz –, so wird gleichermaßen gesagt, der Intellekt im Akt sei das Erkannte im Akt; nicht dass die Substanz des Intellekts selbst die Ähnlichkeit ist, durch die er erkennt, sondern weil jene Ähnlichkeit seine Form ist. Nun ist es genau dasselbe zu sagen: „Bei den Dingen, die ohne Materie sind, ist der Intellekt dasselbe wie das Erkannte“, wie zu sagen: „Der Intellekt im Akt ist das Erkannte im Akt“; denn ein Ding wird gerade deshalb aktuell erkannt, weil es immateriell ist.
Antwort auf Einwand 3: Die Dinge, die unter dem Engel sind, und jene, die über ihm sind, sind gewissermaßen in seiner Substanz, zwar nicht vollkommen, noch gemäß ihrer eigenen Formalität – weil die Wesenheit des Engels, da sie endlich ist, durch ihre eigene Formalität von anderen Dingen unterschieden ist –, sondern gemäß einer gemeinsamen Formalität. Doch alle Dinge sind vollkommen und gemäß ihrer eigenen Formalität in Gottes Wesenheit, als in der ersten und universalen Wirkkraft, von der alles ausgeht, was irgendeinem Ding eigen oder gemeinsam ist. Deshalb hat Gott eine eigentümliche Erkenntnis aller Dinge durch seine eigene Wesenheit: und dies hat der Engel nicht, sondern nur eine allgemeine Erkenntnis.