I, q. 49 a. 3
Ob es ein höchstes Übel gibt, das Ursache jedes Übels ist?
Quaestio 49 · Die Ursache des Bösen
Einwand 1: Es scheint, dass es ein höchstes Übel gibt, das die Ursache jedes Übels ist. Denn gegensätzliche Wirkungen haben gegensätzliche Ursachen. Aber Gegensätzlichkeit findet sich in den Dingen, gemäß Sir 33,15: „Das Gute steht gegen das Böse, und das Leben gegen den Tod; so auch der Sünder gegen den Gerechten.“ Also gibt es viele gegensätzliche Prinzipien, eines des Guten, das andere des Bösen.
Einwand 2: Ferner, wenn ein Gegensatz in der Natur ist, so ist es auch der andere. Aber das höchste Gut ist in der Natur und ist die Ursache jedes Guten, wie oben gezeigt wurde (Frage [2], Artikel [3]; Frage [6], Artikel [2].4). Also gibt es auch ein höchstes Übel, das ihm als Ursache jedes Übels entgegengesetzt ist.
Einwand 3: Ferner, wie wir gute und bessere Dinge finden, so finden wir üble und schlimmere. Aber gut und besser werden so betrachtet in Beziehung auf das Beste. Also werden übel und schlimmer so betrachtet in Beziehung auf ein höchstes Übel.
Einwand 4: Ferner wird alles Partizipierte auf das Wesentliche zurückgeführt. Aber Dinge, die unter uns übel sind, sind nicht wesentlich übel, sondern durch Partizipation. Also müssen wir nach einem höchsten wesentlichen Übel suchen, das die Ursache jedes Übels ist.
Einwand 5: Ferner wird alles Akzidentelle auf das zurückgeführt, was „an sich“ (per se) ist. Aber das Gute ist die akzidentelle Ursache des Übels. Also müssen wir ein höchstes Übel annehmen, das die „an sich“ seiende Ursache der Übel ist. Auch kann nicht gesagt werden, dass das Übel keine „an sich“ seiende Ursache habe, sondern nur eine akzidentelle Ursache; denn daraus würde folgen, dass das Übel nicht in der Mehrheit existieren würde, sondern nur in der Minderheit.
Einwand 6: Ferner wird das Übel der Wirkung auf das Übel der Ursache zurückgeführt; weil die mangelhafte Wirkung von der mangelhaften Ursache kommt, wie oben gesagt wurde (Artikel [1].2). Aber wir können in dieser Sache nicht ins Unendliche fortfahren. Also müssen wir ein erstes Übel als Ursache jedes Übels annehmen.
Dagegen spricht, dass das höchste Gut die Ursache jedes Seienden ist, wie oben gezeigt wurde (Frage [2], Artikel [3]; Frage [6], Artikel [4]). Daher kann es kein Prinzip geben, das ihm als Ursache der Übel entgegengesetzt ist.
Ich antworte darauf, es geht aus dem Vorhergehenden hervor, dass es kein erstes Prinzip des Übels gibt, so wie es ein erstes Prinzip des Guten gibt.
Erstens in der Tat, weil das erste Prinzip des Guten wesenhaft gut ist, wie oben gezeigt wurde (Frage [6], Artikel [3].4). Aber nichts kann wesenhaft schlecht sein. Denn es wurde oben gezeigt, dass jedes Seiende, als solches, gut ist (Frage [5], Artikel [3]); und dass das Übel nur im Guten als in seinem Subjekt existieren kann (Frage [48], Artikel [3]).
Zweitens, weil das erste Prinzip des Guten das höchste und vollkommene Gut ist, welches alle Güte in sich vor-enthält, wie oben gezeigt (Frage [6], Artikel [2]). Aber es kann kein höchstes Übel geben; weil, wie oben gezeigt wurde (Frage [48], Artikel [4]), obwohl das Übel das Gute immer vermindert, es dieses doch niemals gänzlich verzehrt; und so, während das Gute immer verbleibt, nichts gänzlich und vollkommen schlecht sein kann. Daher sagt der Philosoph (Ethic. iv, 5), dass „wenn das gänzlich Üble sein könnte, es sich selbst zerstören würde“; weil, wenn alles Gute zerstört wäre (was notwendig ist, damit etwas gänzlich übel sei), das Übel selbst hinweggenommen würde, da sein Subjekt das Gute ist.
Drittens, weil die Natur des Übels selbst gegen die Idee eines ersten Prinzips steht; sowohl weil jedes Übel durch das Gute verursacht wird, wie oben gezeigt wurde (Artikel [1]), als auch weil das Übel nur eine akzidentelle Ursache sein kann, und es somit nicht die erste Ursache sein kann, denn die akzidentelle Ursache ist der direkten Ursache nachgeordnet.
Jene jedoch, die zwei erste Prinzipien behaupteten, ein gutes und ein böses, fielen aus derselben Ursache in diesen Irrtum, aus der auch andere seltsame Vorstellungen der Alten entstanden; nämlich weil sie es versäumten, die universale Ursache alles Seins zu betrachten, und nur die partikularen Ursachen partikularer Wirkungen betrachteten. Denn aus diesem Grund dachten sie, wenn sie ein Ding fanden, das für etwas durch die Kraft seiner eigenen Natur schädlich war, dass die Natur dieses Dinges selbst böse sei; wie zum Beispiel, wenn jemand sagen würde, dass die Natur des Feuers böse sei, weil es das Haus eines armen Mannes verbrannte. Das Urteil über die Güte von irgendetwas hängt jedoch nicht von seiner Hinordnung auf irgendein partikulares Ding ab, sondern vielmehr davon, was es in sich selbst ist, und von seiner Hinordnung auf das ganze Universum, worin jeder Teil seinen eigenen vollkommen geordneten Platz hat, wie oben gesagt wurde (Frage [47], Artikel [2], ad 1).
Ebenso wussten sie, weil sie zwei gegensätzliche partikulare Ursachen von zwei gegensätzlichen partikularen Wirkungen fanden, nicht, wie sie diese gegensätzlichen partikularen Ursachen auf die universale gemeinsame Ursache zurückführen sollten; und deshalb dehnten sie die Gegensätzlichkeit der Ursachen sogar auf die ersten Prinzipien aus. Da aber alle Gegensätze in etwas Gemeinsamem übereinkommen, ist es notwendig, nach einer gemeinsamen Ursache für sie oberhalb ihrer eigenen gegensätzlichen eigentlichen Ursachen zu suchen; wie oberhalb der gegensätzlichen Qualitäten der Elemente die Kraft eines Himmelskörpers existiert; und oberhalb aller Dinge, die existieren, egal wie, existiert ein erstes Prinzip des Seins, wie oben gezeigt wurde (Frage [2], Artikel [3]).
Antwort auf Einwand 1: Gegensätze kommen in einer Gattung überein, und sie kommen auch in der Natur des Seins überein; und deshalb müssen wir, obwohl sie gegensätzliche partikulare Ursachen haben, dennoch zuletzt zu einer ersten gemeinsamen Ursache kommen.
Antwort auf Einwand 2: Beraubung und Habitus gehören von Natur aus zum selben Subjekt. Nun ist das Subjekt der Beraubung ein Seiendes in Potenz, wie oben gesagt wurde (Frage [48], Artikel [3]). Da also das Übel Beraubung des Guten ist, wie aus dem oben Gesagten hervorgeht (Frage [48], Artikel [1].2.3), ist es jenem Gut entgegengesetzt, das irgendeine Potenz hat, aber nicht dem höchsten Gut, der reiner Akt ist.
Antwort auf Einwand 3: Die Zunahme an Intensität steht im Verhältnis zur Natur eines Dinges. Und wie die Form eine Vollkommenheit ist, so entfernt die Beraubung eine Vollkommenheit. Daher wird jede Form, Vollkommenheit und jedes Gut durch Annäherung an den vollkommenen Endpunkt intensiviert; Beraubung und Übel aber durch Entfernung von diesem Endpunkt. Daher wird ein Ding nicht aufgrund des Zugangs zum höchsten Übel übel und schlimmer genannt, auf dieselbe Weise, wie es aufgrund des Zugangs zum höchsten Gut gut und besser genannt wird.
Antwort auf Einwand 4: Kein Seiendes wird übel durch Partizipation genannt, sondern durch Beraubung der Partizipation. Daher ist es nicht notwendig, es auf irgendein wesentliches Übel zurückzuführen.
Antwort auf Einwand 5: Das Übel kann nur eine akzidentelle Ursache haben, wie oben gezeigt wurde (Artikel [1]). Daher ist die Zurückführung auf irgendeine „an sich“ seiende Ursache des Übels unmöglich. Und zu sagen, dass das Übel in der größeren Anzahl sei, ist schlicht falsch. Denn Dinge, die entstehen und vergehen, in denen allein es natürliches Übel geben kann, sind der kleinere Teil des gesamten Universums. Und wiederum ist in jeder Spezies der Mangel der Natur in der kleineren Anzahl. Allein im Menschen erscheint das Übel als in der größeren Anzahl; weil das Gut des Menschen in Bezug auf die Sinne nicht das Gut des Menschen als Mensch ist – das heißt, in Bezug auf die Vernunft; und mehr Menschen suchen das Gut in Bezug auf die Sinne als das Gut gemäß der Vernunft.
Antwort auf Einwand 6: In den Ursachen des Übels schreiten wir nicht ins Unendliche fort, sondern führen alle Übel auf eine gute Ursache zurück, woraus das Übel akzidentell folgt.