I, q. 17 a. 2
Ob Falschheit in den Sinnen ist?
Quaestio 17 · Über die Falschheit
Einwand 1: Es scheint, dass Falschheit nicht in den Sinnen ist. Denn Augustinus sagt (De Vera Relig. 33): „Wenn alle körperlichen Sinne so berichten, wie sie affiziert werden, weiß ich nicht, was wir mehr von ihnen verlangen können.“ So scheint es, dass wir von den Sinnen nicht getäuscht werden; und daher, dass Falschheit nicht in ihnen ist.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Metaph. iv, 24), dass Falschheit nicht den Sinnen eigen ist, sondern der Einbildungskraft.
Einwand 3: Ferner gibt es in nicht-komplexen Dingen weder wahr noch falsch, sondern nur in komplexen Dingen. Aber Bejahung und Verneinung gehören nicht zu den Sinnen. Daher gibt es in den Sinnen keine Falschheit.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (Soliloq. ii, 6): „Es scheint, dass die Sinne uns durch ihre trügerischen Ähnlichkeiten in Irrtum verstricken.“
Ich antworte darauf, dass Falschheit in den Sinnen nicht gesucht werden darf, außer wie Wahrheit in ihnen ist. Nun ist Wahrheit nicht so in ihnen, dass die Sinne die Wahrheit erkennen, sondern insofern sie sinnliche Dinge wahrhaft erfassen, wie oben gesagt (Quaestio [16], Artikel [2]), und dies geschieht dadurch, dass die Sinne die Dinge erfassen, wie sie sind; und daher geschieht es, dass Falschheit in den Sinnen existiert, indem sie Dinge anders erfassen oder beurteilen, als sie wirklich sind.
Die Erkenntnis der Dinge durch die Sinne steht im Verhältnis zur Existenz ihrer Ähnlichkeit in den Sinnen; und die Ähnlichkeit eines Dinges kann auf dreifache Weise in den Sinnen existieren. Auf die erste Weise primär und ihrer eigenen Natur nach, wie im Sehen die Ähnlichkeit von Farben und anderen ihm eigenen sinnlichen Objekten ist. Zweitens ihrer eigenen Natur nach, wenn auch nicht primär; wie im Sehen die Ähnlichkeit von Gestalt, Größe und anderen sinnlichen Objekten ist, die mehr als einem Sinn gemeinsam sind. Drittens weder primär noch ihrer eigenen Natur nach, sondern akzidentell, wie im Sehen die Ähnlichkeit eines Menschen ist, nicht als Mensch, sondern insofern es dem farbigen Objekt akzidentell zukommt, ein Mensch zu sein.
Der Sinn hat also keine falsche Erkenntnis über seine eigenen Objekte, außer akzidentell und selten, und dann, weil er aufgrund des kranken Organs die sinnliche Form nicht richtig empfängt; so wie andere passive Subjekte aufgrund ihrer Indisposition die Eindrücke des Agens mangelhaft empfangen. Daher geschieht es zum Beispiel, dass aufgrund einer ungesunden Zunge Süßes einer kranken Person bitter erscheint. Aber in Bezug auf die gemeinsamen Objekte des Sinnes und die akzidentellen Objekte kann selbst ein richtig disponierter Sinn ein falsches Urteil haben, weil er sich auf sie nicht direkt bezieht, sondern akzidentell oder als Folge der Ausrichtung auf andere Dinge.
Antwort auf Einwand 1: Die Affektion des Sinnes ist seine Empfindung selbst. Aus der Tatsache, dass der Sinn so berichtet, wie er affiziert wird, folgt daher, dass wir in dem Urteil nicht getäuscht werden, durch das wir urteilen, dass wir eine Empfindung erfahren. Da der Sinn jedoch manchmal irrtümlich von jenem Objekt affiziert wird, folgt daraus, dass er manchmal irrtümlich über jenes Objekt berichtet; und so werden wir durch den Sinn über das Objekt getäuscht, aber nicht über die Tatsache der Empfindung.
Antwort auf Einwand 2: Falschheit wird als dem Sinn nicht eigen bezeichnet, da der Sinn in Bezug auf sein eigenes Objekt nicht getäuscht wird. Daher heißt es in einer anderen Übersetzung deutlicher: „Der Sinn ist in Bezug auf sein eigenes Objekt niemals falsch.“ Falschheit wird der Einbildungskraft zugeschrieben, da sie die Ähnlichkeit von etwas darstellt, auch in dessen Abwesenheit. Wenn daher jemand die Ähnlichkeit eines Dinges wahrnimmt, als wäre es das Ding selbst, resultiert Falschheit aus einer solchen Auffassung; und aus diesem Grund sagt der Philosoph (Metaph. v, 34), dass Schatten, Bilder und Träume falsch genannt werden, insofern sie die Ähnlichkeit von Dingen vermitteln, die in ihrer Substanz nicht anwesend sind.
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument beweist, dass das Falsche nicht im Sinn ist wie in dem, was das Wahre und das Falsche erkennt.