I, q. 119 a. 2
Ob der Samen aus dem Überschuss der Speise entsteht?
Quaestio 119 · Von der Fortpflanzung des Menschen hinsichtlich des Körpers
Einwand 1: Es scheint, dass der Samen nicht aus dem Überschuss der Speise entsteht, sondern aus der Substanz des Zeugenden. Denn Damascener sagt (De Fide Orth. i, 8), dass „die Zeugung ein Werk der Natur ist, das aus der Substanz des Zeugenden das hervorbringt, was gezeugt wird.“ Aber das, was erzeugt wird, wird aus dem Samen hervorgebracht. Also entsteht der Samen aus der Substanz des Zeugenden.
Einwand 2: Ferner ist der Sohn seinem Vater ähnlich hinsichtlich dessen, was er von ihm empfängt. Wenn aber der Samen, aus dem etwas erzeugt wird, aus dem Überschuss der Speise entsteht, würde ein Mensch nichts von seinem Großvater und seinen Vorfahren empfangen, in denen die Speise niemals existierte. Also wäre ein Mensch seinem Großvater oder seinen Vorfahren nicht ähnlicher als irgendwelchen anderen Menschen.
Einwand 3: Ferner ist die Speise des Erzeugers manchmal das Fleisch von Rindern, Schweinen und dergleichen. Wenn daher der Samen aus überschüssiger Speise entstünde, wäre der aus solchem Samen gezeugte Mensch dem Rind und dem Schwein näher verwandt als seinem Vater oder anderen Verwandten.
Einwand 4: Ferner sagt Augustinus (Gen. ad lit. x, 20), dass wir in Adam waren „nicht nur durch die Samenkraft, sondern auch in der Substanz des Körpers selbst“. Dies aber wäre nicht der Fall, wenn der Samen aus überschüssiger Speise entstünde. Also entsteht der Samen nicht daraus.
Dagegen spricht, dass der Philosoph auf vielerlei Weise beweist (De Gener. Animal. i, 18), dass „der Samen Überschuss der Speise ist“.
Ich antworte darauf, dass diese Frage in gewisser Weise von dem abhängt, was oben dargelegt wurde (Artikel 1; Quaestio 118, Artikel 1). Denn wenn die menschliche Natur eine Kraft zur Mitteilung ihrer Form an fremde Materie nicht nur in einem anderen, sondern auch in ihrem eigenen Subjekt besitzt, ist es klar, dass die Speise, die zuerst unähnlich ist, durch die ihr mitgeteilte Form schließlich ähnlich wird. Nun gehört es zur natürlichen Ordnung, dass ein Ding schrittweise von der Potenz in den Akt übergeführt wird: daher beobachten wir bei den erzeugten Dingen, dass jedes zuerst unvollkommen ist und danach vervollkommnet wird. Es ist aber klar, dass sich das Gemeinsame zum Eigenen und Bestimmten verhält wie das Unvollkommene zum Vollkommenen: daher sehen wir, dass bei der Zeugung eines Tieres zuerst das Tier erzeugt wird, dann der Mensch oder das Pferd. So empfängt also die Speise zuallererst eine gewisse gemeinsame Kraft in Bezug auf alle Teile des Körpers, welche Kraft nachfolgend auf diesen oder jenen Teil hin bestimmt wird.
Nun ist es nicht möglich, dass der Samen eine Art Ablösung von dem ist, was bereits in die Substanz der Glieder umgewandelt ist. Denn diese Ablösung, wenn sie nicht die Natur des Gliedes behielte, von dem sie genommen ist, wäre nicht länger von der Natur des Zeugenden und wäre einem Prozess der Korruption geschuldet; und folglich hätte sie nicht die Kraft, etwas anderes in die Ähnlichkeit jener Natur umzuwandeln. Wenn sie aber die Natur des Gliedes behielte, von dem sie genommen ist, dann hätte sie, da sie auf einen bestimmten Teil des Körpers beschränkt ist, nicht die Kraft, sich auf (die Hervorbringung) der ganzen Natur hin zu bewegen, sondern nur der Natur jenes Teiles. Es sei denn, man wollte sagen, dass die Ablösung von allen Teilen des Körpers genommen wird und dass sie die Natur jedes Teiles behält. So wäre der Samen ein kleines Tier im Akt; und die Zeugung von Tier aus Tier wäre eine bloße Teilung, wie Schlamm aus Schlamm erzeugt wird, und wie Tiere, die weiterleben, nachdem sie entzweigeschnitten wurden: was unzulässig ist.
Es bleibt daher zu sagen, dass der Samen nicht etwas ist, das von dem abgetrennt ist, was vorher das aktuelle Ganze war; vielmehr ist er das Ganze, wenn auch potentiell, da er die von der Seele des Zeugenden abgeleitete Kraft besitzt, den ganzen Körper hervorzubringen, wie oben dargelegt (Artikel 1; Quaestio 108, Artikel 1). Nun ist dasjenige, was in Potenz zum Ganzen ist, das, was aus der Speise erzeugt wird, bevor es in die Substanz der Glieder umgewandelt wird. Daher wird der Samen hiervon genommen. In diesem Sinne wird gesagt, dass die Nährkraft der Zeugungskraft dient: weil das, was durch die Nährkraft umgewandelt wird, von der Zeugungskraft als Samen verwendet wird. Ein Zeichen hierfür ist gemäß dem Philosophen, dass Tiere von großer Größe, die viel Nahrung benötigen, wenig Samen im Verhältnis zur Größe ihrer Körper haben und selten zeugen; in gleicher Weise fette Menschen, und aus demselben Grund.
Antwort auf Einwand 1: Die Zeugung ist aus der Substanz des Zeugenden bei Tieren und Pflanzen, insofern der Samen seine Kraft der Form des Zeugenden verdankt, und insofern er in Potenz zur Substanz ist.
Antwort auf Einwand 2: Die Ähnlichkeit des Zeugenden zum Gezeugten besteht nicht aufgrund der Materie, sondern aufgrund der Form des Wirkenden, das seinesgleichen erzeugt. Weshalb, damit ein Mensch seinem Großvater ähnlich sei, keine Notwendigkeit besteht, dass die körperliche Samenmaterie im Großvater gewesen sei; sondern dass im Samen eine Kraft sei, die von der Seele des Großvaters durch den Vater abgeleitet ist. In gleicher Weise wird der dritte Einwand beantwortet. Denn Verwandtschaft besteht nicht in Bezug auf die Materie, sondern vielmehr auf die Ableitung der Formen.
Antwort auf Einwand 4: Diese Worte des Augustinus sind nicht so zu verstehen, als ob die unmittelbare Samenkraft oder die körperliche Substanz, aus der dieses Individuum geformt wurde, aktuell in Adam gewesen wären: sondern so, dass beide in Adam wie im Prinzip waren. Denn selbst die körperliche Materie, die von der Mutter geliefert wird und die er die körperliche Substanz nennt, ist ursprünglich von Adam abgeleitet: und ebenso die aktive Samenkraft des Vaters, welche die unmittelbare Samenkraft (bei der Hervorbringung) dieses Menschen ist.
Christus aber soll in Adam gemäß der „körperlichen Substanz“ gewesen sein, nicht gemäß der Samenkraft. Weil die Materie, aus der Sein Leib geformt wurde und die von der jungfräulichen Mutter geliefert wurde, von Adam abgeleitet war; wohingegen die aktive Kraft nicht von Adam abgeleitet war, weil Sein Leib nicht durch die Samenkraft eines Mannes geformt wurde, sondern durch das Wirken des Heiligen Geistes. Denn „eine solche Geburt ziemte Ihm“, DER ÜBER ALLEM IST, GOTT, GEPREISEN IN EWIGKEIT. Amen.