I, q. 101 a. 2
Ob die Kinder bei der Geburt den vollkommenen Gebrauch der Vernunft gehabt hätten?
Quaestio 101 · Vom Zustand der Nachkommen hinsichtlich des Wissens
Einwand 1: Es scheint, dass die Kinder bei der Geburt den vollkommenen Gebrauch der Vernunft gehabt hätten. Denn dass die Kinder in unserem gegenwärtigen Zustand nicht den vollkommenen Gebrauch der Vernunft haben, liegt daran, dass die Seele durch den Körper beschwert wird; was im Paradies nicht der Fall war, weil, wie geschrieben steht: "Der verwesliche Leib beschwert die Seele" (Weish. 9,15). Daher hätten die Kinder vor der Sünde und der daraus resultierenden Verderbnis bei der Geburt den vollkommenen Gebrauch der Vernunft gehabt.
Einwand 2: Ferner haben einige Tiere bei der Geburt den Gebrauch ihrer natürlichen Kräfte, wie das Lamm sogleich vor dem Wolf flieht. Umso mehr hätten daher die Menschen im Stand der Unschuld bei der Geburt den vollkommenen Gebrauch der Vernunft gehabt.
Dagegen spricht: In allen Dingen, die durch Zeugung hervorgebracht werden, schreitet die Natur vom Unvollkommenen zum Vollkommenen fort. Daher hätten die Kinder nicht von Anfang an den vollkommenen Gebrauch der Vernunft gehabt.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Quaestio [84], Artikel [7]), der Gebrauch der Vernunft in gewisser Weise vom Gebrauch der sinnlichen Vermögen abhängt; weshalb der Mensch, solange die Sinne ermüdet und die inneren sinnlichen Vermögen gehemmt sind, nicht den vollkommenen Gebrauch der Vernunft hat, wie wir bei jenen sehen, die schlafen oder im Fieberwahn sind. Nun haben die sinnlichen Vermögen ihren Sitz in körperlichen Organen; und deshalb ist, solange letztere behindert sind, notwendigerweise auch die Tätigkeit der ersteren behindert; und folglich ebenso der Gebrauch der Vernunft. Nun sind die Kinder im Gebrauch dieser Vermögen wegen der Feuchtigkeit des Gehirns behindert; weshalb sie weder den vollkommenen Gebrauch dieser Vermögen noch der Vernunft haben. Daher hätten die Kinder im Stand der Unschuld nicht den vollkommenen Gebrauch der Vernunft gehabt, dessen sie sich später im Leben erfreut hätten. Dennoch hätten sie einen vollkommeneren Gebrauch gehabt als sie ihn jetzt haben, was die Angelegenheiten betrifft, die jenen besonderen Zustand betreffen, wie oben bezüglich des Gebrauchs ihrer Gliedmaßen erklärt wurde (Quaestio [99], Artikel [1]).
Zu Einwand 1: Der verwesliche Leib beschwert die Seele, weil er den Gebrauch der Vernunft selbst in jenen Dingen behindert, die dem Menschen in jedem Alter zukommen.
Zu Einwand 2: Auch andere Tiere haben bei der Geburt keinen so vollkommenen Gebrauch ihrer natürlichen Kräfte wie später. Dies wird daraus deutlich, dass Vögel ihre Jungen fliegen lehren; und Ähnliches kann bei anderen Tieren beobachtet werden. Zudem besteht beim Menschen ein besonderes Hindernis durch die Feuchtigkeit des Gehirns, wie wir oben gesagt haben (Quaestio [99], Artikel [1]).