I, q. 101 a. 1
Ob die Kinder im Stand der Unschuld mit vollkommenem Wissen geboren worden wären?
Quaestio 101 · Vom Zustand der Nachkommen hinsichtlich des Wissens
Einwand 1: Es scheint, dass die Kinder im Stand der Unschuld mit vollkommenem Wissen geboren worden wären. Denn Adam hätte Kinder gezeugt, die ihm ähnlich waren. Adam aber war mit vollkommenem Wissen begabt (Quaestio [94], Artikel [3]). Also wären die Kinder von ihm mit vollkommenem Wissen geboren worden.
Einwand 2: Ferner ist die Unwissenheit eine Folge der Sünde, wie Beda sagt (vgl. FS, Quaestio [85], Artikel [3]). Unwissenheit aber ist der Mangel an Wissen. Daher hätten die Kinder vor der Sünde, sobald sie geboren waren, vollkommenes Wissen gehabt.
Einwand 3: Ferner wären die Kinder von Geburt an mit Gerechtigkeit begabt gewesen. Zum Gerechtigkeit aber ist Wissen erforderlich, da es unsere Handlungen leitet. Also wären sie auch mit Wissen begabt gewesen.
Dagegen spricht, dass die menschliche Seele von Natur aus "wie eine unbeschriebene Tafel ist, auf der nichts geschrieben steht", wie der Philosoph sagt (De Anima iii, 4). Die Natur der Seele ist aber jetzt dieselbe, wie sie im Stand der Unschuld gewesen wäre. Also wären die Seelen der Kinder bei der Geburt ohne Wissen gewesen.
Ich antworte darauf, dass wir uns, wie oben gesagt (Quaestio [99], Artikel [1]), bezüglich des Glaubens an Dinge, die über der Natur stehen, allein auf die Autorität stützen; und so müssen wir uns, wenn die Autorität fehlt, vom gewöhnlichen Lauf der Natur leiten lassen. Nun ist es für den Menschen natürlich, Wissen durch die Sinne zu erwerben, wie oben erklärt wurde (Quaestio [55], Artikel [2]; Quaestio [84], Artikel [6]); und aus diesem Grund ist die Seele mit dem Körper vereinigt, da sie ihn für ihre eigentümliche Tätigkeit benötigt; und dies wäre nicht so, wenn die Seele bei der Geburt mit einem Wissen ausgestattet wäre, das nicht durch die sinnlichen Vermögen erworben wurde. Wir müssen also schließen, dass die Kinder im Stand der Unschuld nicht mit vollkommenem Wissen geboren worden wären; sondern im Laufe der Zeit hätten sie ohne Schwierigkeit Wissen durch Entdeckung oder Lehre erworben.
Zu Einwand 1: Die Vollkommenheit des Wissens war ein individuelles Akzidens unseres ersten Elternpaares, insofern Adam als Vater und Lehrer des ganzen Menschengeschlechts eingesetzt war. Daher zeugte er Kinder, die ihm ähnlich waren, nicht in dieser Hinsicht, sondern nur in jenen Akzidenzien, die natürlich waren oder der gesamten Natur gnadenhaft verliehen wurden.
Zu Einwand 2: Unwissenheit ist der Mangel an Wissen, welches zu einer bestimmten Zeit geschuldet ist; und dies wäre bei den Kindern von ihrer Geburt an nicht der Fall gewesen, denn sie hätten das Wissen besessen, das ihnen zu jener Zeit geschuldet war. Daher wäre in ihnen keine Unwissenheit gewesen, sondern nur ein Nichtwissen in Bezug auf gewisse Dinge. Ein solches Nichtwissen war sogar in den heiligen Engeln, gemäß Dionysius (Coel. Hier. vii).
Zu Einwand 3: Die Kinder hätten hinreichendes Wissen gehabt, um sie zu Taten der Gerechtigkeit zu leiten, worin die Menschen durch allgemeine Prinzipien des Rechts geführt werden; und dieses ihr Wissen wäre viel vollständiger gewesen als das, was wir jetzt von Natur aus haben, ebenso wie ihr Wissen über andere allgemeine Prinzipien.