
Johannes Chrysostomus
Catena Aurea · Lukasevangelium 6
32 Wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr da? Denn auch die Sünder lieben die, von denen sie geliebt werden. 33 Wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank habt ihr da? Denn auch die Sünder tun das. 34 Wenn ihr denen leiht, von denen ihr es zurückzuerhalten hofft, welchen Dank habt ihr da? Denn auch Sünder leihen Sündern, um das Gleiche zurückzuerhalten. 35 Vielmehr liebt euere Feinde, tut Gutes und leiht, ohne etwas zurückzuerwarten. Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen. 36 Seid barmherzig, wie euer Vater barmherzig ist!
(Hom. i. in Col.) Der Herr hatte gesagt, dass wir unsere Feinde lieben müssen, aber damit du dies nicht für eine übertriebene Redeweise hältst, die nur gesagt sei, um sie zu erschrecken, fügt er den Grund hinzu und sagt: Denn wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr? Es gibt zwar mehrere Ursachen, die Liebe hervorbringen; aber die geistliche Liebe übertrifft sie alle. Denn nichts Irdisches erzeugt sie, weder Gewinn noch Freundlichkeit noch Natur noch Zeit, sondern sie steigt vom Himmel herab. Aber warum wundern wir uns, dass sie keine Freundlichkeit braucht, um angeregt zu werden, da sie nicht einmal vom Bösen überwunden wird? Ein Vater, der Unrecht erleidet, zerreißt die Bande der Liebe. Eine Ehefrau verlässt nach einem Streit ihren Mann. Ein Sohn, wenn er sieht, dass sein Vater ein hohes Alter erreicht, ist beunruhigt. Aber Paulus ging zu denen, die ihn steinigten, um ihnen Gutes zu tun. (Apg 14,17) Mose wird von den Juden gesteinigt und betet für sie. (Ex 17,4) Lasst uns also die geistliche Liebe verehren, denn sie ist unauflöslich. Indem er daher die tadelt, die geneigt waren, kalt zu werden, fügt er hinzu: Denn auch die Sünder lieben die, welche sie lieben. Als ob er sagte: Weil ich wünsche, dass ihr mehr besitzt als diese, rate ich euch nicht nur, eure Freunde zu lieben, sondern auch eure Feinde. Es ist allen gemeinsam, denen Gutes zu tun, die ihnen Gutes tun. Aber er zeigt, dass er etwas sucht, was über die Gewohnheit der Sünder hinausgeht, die ihren Freunden Gutes tun. Daher folgt: Und wenn ihr denen Gutes tut, die euch Gutes tun, welchen Dank habt ihr?