
Johannes Chrysostomus
Catena Aurea · Lukasevangelium 6
27 Euch, die ihr zuhört, sage ich: Liebt euere Feinde, tut Gutes denen, die euch hassen. 28 Segnet die, die euch verfluchen, und betet für die, die euch verleumden. 29 Wer dich auf die eine Wange schlägt, dem halte auch die andere hin, und dem, der dir den Mantel nimmt, verweigere auch nicht den Rock. 30 Jedem, der dich bittet, gib; und von dem, der dir das Deine nimmt, fordere es nicht zurück. 31 Wie ihr wollt, dass euch die Leute tun, ebenso sollt auch ihr ihnen tun.
(Hom. 13. ad Pop. Ant.) Nun haben wir ein natürliches Gesetz in uns eingepflanzt, durch das wir unterscheiden, was Tugend und was Laster ist. Daher folgt: Und wie ihr wollt, dass euch die Menschen tun, so tut auch ihnen. Er sagt nicht: Was ihr nicht wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch nicht. Denn da es zwei Wege gibt, die zur Tugend führen, nämlich das Unterlassen des Bösen und das Tun des Guten, nennt er einen und bezeichnet damit auch den anderen. Und wenn er zwar gesagt hätte: Damit ihr Menschen seid, liebt die Tiere, wäre das Gebot schwierig. Wenn sie aber geheißen werden, Menschen zu lieben, was eine natürliche Ermahnung ist, worin liegt dann die Schwierigkeit, da selbst Wölfe und Löwen sie beobachten, die eine natürliche Verwandtschaft zwingt, einander zu lieben? Es ist also offenbar, dass Christus nichts unsere Natur Übersteigendes angeordnet hat, sondern was er längst zuvor in unser Gewissen eingepflanzt hatte, sodass dein eigener Wille dir das Gesetz ist. Und wenn du willst, dass dir Gutes getan werde, musst du anderen Gutes tun; wenn du willst, dass ein anderer dir Barmherzigkeit erweise, musst du deinem Nächsten Barmherzigkeit erweisen.