
Johannes Chrysostomus
Catena Aurea · Lukasevangelium 22
39 Er ging hinaus und begab sich nach seiner Gewohnheit zum Ölberg; die Jünger folgten ihm. 40 Als er an den Ort gelangt war, sagte er zu ihnen: Betet, dass ihr nicht in Versuchung geratet. 41 Und er trennte sich von ihnen etwa einen Steinwurf weit, kniete nieder und betete: 42 Vater, wenn du willst, lass diesen Kelch an mir vorübergehen. Doch nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen.
Nun wird jede Kunst durch die Worte und Werke dessen dargestellt, der sie lehrt. Weil also unser Herr gekommen war, um keine gewöhnliche Tugend zu lehren, spricht und tut Er dasselbe. Und so hat Er, nachdem Er mit Worten geboten hatte zu beten, damit sie nicht in Versuchung geraten, dasselbe auch im Werk getan, indem Er sprach: Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir. Er sagt nicht die Worte: Wenn du willst, als wüsste Er nicht, ob es dem Vater gefiel. Denn solches Wissen war nicht schwieriger als das Wissen um die Substanz Seines Vaters, die Er allein klar kannte, nach Johannes: Wie der Vater mich kennt, so kenne ich den Vater. (Joh 10,15.) Noch sagt Er dies, als lehne Er Sein Leiden ab. Denn wie sollte der, der einen Jünger tadelte, der Sein Leiden verhindern wollte (Mt 16,23), so dass Er ihn sogar nach vielen Lobesworten Satan nannte, nicht bereit sein, gekreuzigt zu werden? Bedenke also, warum es so gesagt wurde. Wie groß war es zu hören, dass der unaussprechliche Gott, der alles Verständnis übersteigt, sich damit zufrieden gab, in den Schoß der Jungfrau einzugehen, ihre Milch zu saugen und alles Menschliche zu erdulden. Da also das, was geschehen sollte, fast unglaublich war, sandte Er zuerst Propheten, um es anzukündigen, danach kommt Er selbst, bekleidet mit dem Fleisch, so dass du Ihn nicht für ein Phantom halten konntest. Er lässt Sein Fleisch alle natürlichen Schwächen ertragen, Hunger, Durst, Schlaf, Mühe, Bedrängnis, Qual; deshalb lehnt Er auch den Tod nicht ab, damit Er dadurch Seine wahre Menschheit offenbare.