
Johannes Chrysostomus
Catena Aurea · Lukasevangelium 18
9 Einigen, die sich selbstsicher für gerecht hielten und die Übrigen verachteten, erzählte er dieses Gleichnis: 10 Zwei Menschen gingen hinauf in den Tempel, um zu beten: Der eine war ein Pharisäer und der andere ein Zöllner. 11 Der Pharisäer stellte sich auf und betete leise so: Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie die übrigen Menschen: Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, auch nicht wie dieser Zöllner da. 12 Ich faste zweimal in der Woche und ich gebe den Zehnten von allen meinen Einkünften. 13 Der Zöllner aber stand weit entfernt und wollte nicht einmal die Augen zum Himmel erheben, sondern schlug an seine Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig! 14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause, im Gegensatz zu jenem. Denn jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich selbst aber erniedrigt, wird erhöht werden.
Wer andere schmäht, schadet sowohl sich selbst als auch anderen sehr. Erstens werden die, die ihn hören, schlechter, denn wenn sie Sünder sind, werden sie froh, einen ebenso Schuldigen zu finden; wenn sie gerecht sind, werden sie hochmütig, da sie durch die Sünden anderer dazu verleitet werden, höher von sich zu denken. Zweitens leidet der Leib der Kirche; denn die, die ihn hören, sind nicht alle damit zufrieden, nur die Schuldigen zu tadeln, sondern heften den Vorwurf auch auf die christliche Religion. Drittens wird die Herrlichkeit Gottes übel nachgeredet; denn wie unser Wohltun den Namen Gottes verherrlicht, so verursachen unsere Sünden seine Lästerung. Viertens wird der Gegenstand des Vorwurfs verwirrt und wird noch rücksichtsloser und unerschütterlicher. Fünftens macht sich der Redende selbst der Strafe schuldig, weil er Dinge äußert, die sich nicht ziemen.