
Johannes Chrysostomus
Catena Aurea · Johannesevangelium 10
1 Amen, amen, ich sage euch: Wer nicht durch die Tür in den Schafstall hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. 2 Wer aber durch die Tür hineingeht, der ist der Hirt der Schafe. 3 Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme. Er ruft seine Schafe beim Namen und führt sie hinaus. 4 Wenn er alle seine Schafe hinausgelassen hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen. 5 Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen.
(Hom. lix. 2) Nachdem unser Herr die Juden der Blindheit bezichtigt hatte, hätten sie sagen können: Wir sind nicht blind, sondern wir meiden dich als Betrüger. Unser Herr gibt daher die Merkmale an, die einen Räuber und Betrüger von einem wahren Hirten unterscheiden. Zuerst kommen die des Betrügers und Räubers: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht durch die Tür in den Schafstall eingeht, sondern anderswo hinübersteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Hier liegt eine Anspielung auf den Antichrist und auf gewisse falsche Christusse, die es gegeben hatte und geben sollte. Die Schriften nennt er die Tür. Sie lassen uns zur Erkenntnis Gottes gelangen, sie schützen die Schafe, sie halten die Wölfe ab, sie versperren den Häretikern den Eingang. Wer nicht die Schriften gebraucht, sondern anderswo hinübersteigt, das heißt auf irgendeinem selbstgewählten, irgendeinem unerlaubten Weg, ist ein Dieb. Hinübersteigt, sagt er, nicht: geht hinein, als ob es ein Dieb wäre, der über eine Mauer steigt und alles aufs Spiel setzt. Anderswo hinübersteigt, könnte sich auch auf die Gebote und Traditionen der Menschen beziehen, die die Schriftgelehrten lehrten, unter Vernachlässigung des Gesetzes. Wenn unser Herr weiterhin sich selbst die Tür nennt, brauchen wir uns nicht zu wundern. Gemäß dem Amt, das er trägt, ist er an einer Stelle der Hirt, an einer anderen das Schaf. Indem er uns zum Vater führt, ist er die Tür; indem er für uns sorgt, ist er der Hirt.