
Augustinus von Hippo
Catena Aurea · Johannesevangelium 10
1 Amen, amen, ich sage euch: Wer nicht durch die Tür in den Schafstall hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. 2 Wer aber durch die Tür hineingeht, der ist der Hirt der Schafe. 3 Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme. Er ruft seine Schafe beim Namen und führt sie hinaus. 4 Wenn er alle seine Schafe hinausgelassen hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen. 5 Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen.
(Tr. xlv. 2. et sq.) Oder so: Viele gehen unter dem Namen guter Menschen nach dem Maßstab der Welt und halten in gewisser Weise die Gebote des Gesetzes, die doch keine Christen sind. Und diese rühmen sich gewöhnlich selbst, wie die Pharisäer es taten: Sind wir denn auch blind? Da sie aber alles, was sie tun, töricht tun, ohne zu wissen, wozu es führt, sagt unser Herr von ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht durch die Tür in den Schafstall eingeht, sondern anderswo hinübersteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Mögen also die Heiden, die Juden, die Häretiker sagen: „Wir führen ein gutes Leben“; wenn sie nicht durch die Tür eingehen, was nützt es? Ein gutes Leben nützt nur, insofern es zum ewigen Leben führt. Ja, die können nicht einmal ein gutes Leben führen genannt werden, die entweder in blinder Unwissenheit das Ziel des guten Lebens nicht kennen oder es willentlich verachten. Niemand kann auf das ewige Leben hoffen, der Christus nicht kennt, der das Leben ist, und durch jene Tür in den Stall eingeht. Wer in den Schafstall eingehen will, der gehe durch die Tür; der verkünde Christus; der suche Christi Ehre, nicht seine eigene. Christus ist eine niedrige Tür, und wer durch diese Tür eingeht, muss niedrig sein, wenn er mit unversehrtem Haupt eingehen will. Wer sich nicht demütigt, sondern sich erhebt, wer über die Mauer steigen will, wird erhöht, damit er falle. Solche Menschen versuchen gewöhnlich, andere zu überzeugen, dass sie gut leben können, ohne Christen zu sein. So steigen sie auf einem anderen Weg hinüber, damit sie rauben und töten. Sie sind Diebe, weil sie das ihr Eigen nennen, was es nicht ist; Räuber, weil sie das, was sie gestohlen haben, töten.