III, q. 26 a. 2
Ob Christus als Mensch der Mittler Gottes und der Menschen ist?
Quaestio 26 · Von Christus, insofern er Mittler Gottes und der Menschen genannt wird.
Einwand 1: Es scheint, dass Christus nicht als Mensch der Mittler Gottes und der Menschen ist. Denn Augustinus sagt (Contra Felic. x): „Eines ist die Person Christi: damit es nicht nicht einen Christus gebe, nicht eine Substanz; damit Er nicht, wenn das Amt des Mittlers geleugnet wird, entweder Sohn Gottes allein oder bloß Sohn eines Menschen genannt werde.“ Er ist aber Sohn Gottes und des Menschen, nicht als Mensch, sondern als zugleich Gott und Mensch. Deshalb sollten wir auch nicht sagen, dass Er als Mensch allein Mittler Gottes und des Menschen ist.
Einwand 2: Ferner: So wie Christus als Gott eine gemeinsame Natur mit dem Vater und dem Heiligen Geist hat, so hat Er als Mensch eine gemeinsame Natur mit den Menschen. Aber aus dem Grund, dass Er als Gott dieselbe Natur wie der Vater und der Heilige Geist hat, kann Er nicht als Gott Mittler genannt werden: denn zu 1 Tim 2,5, „Mittler Gottes und des Menschen“, sagt eine Glosse: „Als das Wort ist Er nicht Mittler, weil Er Gott gleich ist, und Gott ‚bei Gott‘, und zugleich ein Gott.“ Deshalb kann Er auch nicht als Mensch Mittler genannt werden, aufgrund dessen, dass Er dieselbe Natur wie die Menschen hat.
Einwand 3: Ferner wird Christus Mittler genannt, insofern Er uns mit Gott versöhnt hat: und dies tat Er, indem Er die Sünde hinwegnahm, die uns von Gott trennte. Aber die Sünde hinwegzunehmen kommt Christus nicht als Mensch zu, sondern als Gott. Deshalb ist Christus unser Mittler nicht als Mensch, sondern als Gott.
Dagegen spricht, was Augustinus sagt (De Civ. Dei ix, 15): „Nicht weil Er das Wort ist, ist Christus Mittler, da jener, Der im höchsten Maße unsterblich und im höchsten Maße glückselig ist, fern ist von uns unglücklichen Sterblichen; sondern Er ist Mittler, als Mensch.“
Ich antworte darauf, dass wir bei einem Mittler zwei Dinge betrachten können: erstens, dass er eine Mitte ist; zweitens, dass er andere vereint. Nun gehört es zur Natur einer Mitte, von jedem der Extreme entfernt zu sein: während sie dadurch vereint, dass sie dem einen mitteilt, was dem anderen gehört. Keines von beiden nun kann auf Christus als Gott angewendet werden, sondern nur als Mensch. Denn als Gott unterscheidet Er sich nicht vom Vater und dem Heiligen Geist in der Natur und der Macht der Herrschaft: noch haben der Vater und der Heilige Geist irgendetwas, das der Sohn nicht hat, so dass Er anderen etwas mitteilen könnte, das dem Vater oder dem Heiligen Geist gehört, als ob es anderen als Ihm selbst gehörte. Beides aber kann auf Ihn als Mensch angewendet werden. Weil Er als Mensch sowohl von Gott entfernt ist, der Natur nach, als auch vom Menschen, durch die Würde sowohl der Gnade als auch der Herrlichkeit. Wiederum kommt es Ihm als Mensch zu, die Menschen mit Gott zu vereinen, indem Er den Menschen sowohl Gebote als auch Gaben mitteilt und indem Er Gott für die Menschen Genugtuung und Gebete darbringt. Und deshalb wird Er am wahrhaftigsten als Mensch Mittler genannt.
Antwort auf Einwand 1: Wenn wir die göttliche Natur von Christus wegnehmen, nehmen wir Ihm folglich die einzigartige Fülle der Gnade, die Ihm als dem Eingeborenen des Vaters zukommt, wie geschrieben steht (Joh 1,14). Aus dieser Fülle folgte, dass Er über alle Menschen gesetzt wurde und Gott näher kam.
Antwort auf Einwand 2: Christus ist als Gott dem Vater in allem gleich. Aber auch in der menschlichen Natur steht Er über allen Menschen. Deshalb kann Er als Mensch Mittler sein, nicht aber als Gott.
Antwort auf Einwand 3: Obwohl es Christus als Gott zukommt, die Sünde autoritativ hinwegzunehmen, so kommt es Ihm doch als Mensch zu, für die Sünde des Menschengeschlechts Genugtuung zu leisten. Und in diesem Sinne wird Er der Mittler Gottes und der Menschen genannt.