III, q. 17 a. 2
Ob in Christus nur ein Sein ist?
Quaestio 17 · Von der Einheit des Seins Christi
1. Einwand: Es scheint, dass in Christus nicht nur ein Sein, sondern zwei seien. Denn Damascenus sagt (De Fide Orth. iii, 13), dass alles, was der Natur folgt, in Christus verdoppelt ist. Das Sein aber folgt der Natur, denn das Sein ist von der Form. Also gibt es in Christus zwei Sein.
2. Einwand: Ferner ist das Sein des Sohnes Gottes die göttliche Natur selbst und ist ewig: wohingegen das Sein des Menschen Christus nicht die göttliche Natur ist, sondern ein zeitliches Sein ist. Also gibt es in Christus nicht nur ein Sein.
3. Einwand: Ferner gibt es in der Trinität, obwohl es drei Personen sind, doch aufgrund der Einheit der Natur nur ein Sein. Aber in Christus gibt es zwei Naturen, obwohl es eine Person ist. Also gibt es in Christus nicht nur ein Sein.
4. Einwand: Ferner gibt in Christus die Seele dem Leib ein gewisses Sein, da sie seine Form ist. Aber sie gibt nicht das göttliche Sein, da dieses unerschaffen ist. Also gibt es in Christus ein anderes Sein außer dem göttlichen Sein; und so gibt es in Christus nicht nur ein Sein.
Dagegen spricht, dass alles insofern ein Seiendes genannt wird, als es eins ist, denn eins und seiend sind konvertibel. Wenn es also zwei Sein in Christus gäbe und nicht nur eines, wäre Christus zwei und nicht einer.
Ich antworte darauf, dass, weil in Christus zwei Naturen und eine Hypostase sind, daraus folgt, dass die Dinge, die zur Natur gehören, in Christus zwei sein müssen; und dass jene, die zur Hypostase gehören, in Christus nur eines sein müssen. Nun gehört das Sein sowohl zur Natur als auch zur Hypostase; zur Hypostase als zu dem, was das Sein hat – und zur Natur als zu dem, wodurch es das Sein hat. Denn die Natur wird nach der Art einer Form genommen, von der gesagt wird, dass sie ein Seiendes ist, weil etwas durch sie ist; wie durch die Weiße ein Ding weiß ist und durch das Menschsein ein Ding Mensch ist. Nun muss man bedenken, dass, wenn es eine Form oder Natur gibt, die nicht zum personalen Sein der subsistierenden Hypostase gehört, dieses Sein der Person nicht schlechthin, sondern beziehungsweise zugesprochen wird; so wie weiß zu sein das Sein des Sokrates ist, nicht wie er Sokrates ist, sondern insofern er weiß ist. Und es gibt keinen Grund, warum dieses Sein nicht in einer Hypostase oder Person vervielfältigt werden sollte; denn das Sein, wodurch Sokrates weiß ist, ist unterschieden von dem Sein, wodurch er ein Musiker ist. Aber das Sein, welches zur Hypostase oder Person selbst an sich gehört, kann unmöglich in einer Hypostase oder Person vervielfältigt werden, da es unmöglich ist, dass es für ein Ding nicht ein Sein geben sollte.
Wenn daher die menschliche Natur zum Sohn Gottes hinzukäme, nicht hypostatisch oder personal, sondern akzidentell, wie einige behaupteten, wäre es notwendig, zwei Sein in Christus anzunehmen – eines, insofern er Gott ist – das andere, insofern er Mensch ist; so wie wir in Sokrates ein Sein annehmen, insofern er weiß ist, und ein anderes, insofern er ein Mensch ist, da „weiß sein“ nicht zum personalen Sein des Sokrates gehört. Aber einen Kopf zu haben, körperlich zu sein, beseelt zu sein – all dies gehört zur einen Person des Sokrates, und daher entsteht aus diesen nur das eine Sein des Sokrates. Und wenn es so geschähe, dass nach der Konstituierung der Person des Sokrates ihm Hände oder Füße oder Augen zuwüchsen, wie es dem geschah, der blind geboren wurde, so würde dadurch dem Sokrates kein neues Sein hinzugefügt, sondern nur eine Beziehung zu diesen, d.h. insofern von ihm gesagt würde, dass er sei, nicht nur in Bezug auf das, was er vorher hatte, sondern auch in Bezug auf das, was ihm danach zukam. Und so, da die menschliche Natur mit dem Sohn Gottes hypostatisch oder personal vereint ist, wie oben gesagt wurde (Frage [2], Artikel [5] und 6), und nicht akzidentell, folgt daraus, dass durch die menschliche Natur kein neues personales Sein zu ihm hinzukam, sondern nur eine neue Beziehung des präexistenten personalen Seins zur menschlichen Natur, dergestalt, dass von der Person gesagt wird, sie subsistiere nicht bloß in der göttlichen, sondern auch in der menschlichen Natur.
Antwort auf den 1. Einwand: Das Sein folgt der Natur, nicht als dem, was das Sein hat, sondern als dem, wodurch ein Ding ist: wohingegen es der Person oder Hypostase folgt als dem, was das Sein hat. Daher hat es Einheit von der Einheit der Hypostase, eher als Zweiheit von der Zweiheit der Natur.
Antwort auf den 2. Einwand: Das ewige Sein des Sohnes Gottes, welches die göttliche Natur ist, wird zum Sein des Menschen, insofern die menschliche Natur vom Sohn Gottes zur Einheit der Person angenommen wird.
Antwort auf den 3. Einwand: Wie im Ersten Teil, Frage [50], Artikel [2], zu 3 und Frage [75], Artikel [5], zu 4 gesagt wurde, gibt es, da die göttliche Person dasselbe ist wie die Natur, in den göttlichen Personen keine Unterscheidung zwischen dem Sein der Person und dem Sein der Natur, und folglich haben die drei Personen nur ein Sein. Sie hätten aber ein dreifaches Sein, wenn das Sein der Person in ihnen vom Sein der Natur unterschieden wäre.
Antwort auf den 4. Einwand: In Christus gibt die Seele dem Leib das Sein, insofern sie ihn aktuell beseelt macht, was bedeutet, ihm die Ergänzung seiner Natur und Spezies zu geben. Wenn wir aber den durch die Seele vervollkommneten Leib betrachten, ohne die Hypostase, die beides hat – so bezeichnet dieses Ganze, zusammengesetzt aus Seele und Leib, wie es durch das Wort „Menschheit“ bezeichnet wird, nicht „was ist“, sondern „wodurch es ist“. Daher gehört das Sein zur subsistierenden Person, insofern sie eine Beziehung zu einer solchen Natur hat, und dieser Beziehung ist die Seele Ursache, insofern sie die menschliche Natur durch die Formung des Leibes vervollkommnet.