II-II, q. 92 a. 1
Ob der Aberglaube ein der Religion entgegengesetztes Laster ist?
Quaestio 92 · Vom Aberglauben
Einwand 1: Es scheint, dass der Aberglaube kein der Religion entgegengesetztes Laster ist. Denn ein Gegensatz ist nicht in der Definition des anderen enthalten. Die Religion ist aber in der Definition des Aberglaubens enthalten: Letzterer wird nämlich definiert als "unmäßiges Beachten der Religion", gemäß einer Glosse zu Kol 2,23: "Die zwar einen Schein von Weisheit haben im Aberglauben." Also ist der Aberglaube kein der Religion entgegengesetztes Laster.
Einwand 2: Ferner sagt Isidor (Etym. x): "Cicero [*De Natura Deorum ii, 28] stellt fest, dass die Abergläubischen so genannt wurden, weil sie den Tag mit Beten und Opfern verbrachten, damit ihre Kinder sie überleben [superstites] mögen." Dies kann aber auch in Übereinstimmung mit wahrem religiösen Kult geschehen. Also ist der Aberglaube kein der Religion entgegengesetztes Laster.
Einwand 3: Ferner scheint der Aberglaube ein Übermaß zu bezeichnen. Die Religion aber lässt kein Übermaß zu, da es, wie oben gesagt (Qu. [81], Art. [5], ad 3), keine Möglichkeit gibt, Gott durch die Religion das Gleiche zu erstatten, was wir Ihm schulden. Also ist der Aberglaube kein der Religion entgegengesetztes Laster.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Decem Chord. Serm. ix): "Du schlägst die erste Saite beim Kult des einen Gottes an, und das Tier des Aberglaubens ist gefallen." Nun gehört der Kult des einen Gottes zur Religion. Also ist der Aberglaube der Religion entgegengesetzt.
Ich antworte darauf, dass, wie oben gesagt (Qu. [81], Art. [5]), die Religion eine sittliche Tugend ist. Nun hält jede sittliche Tugend eine Mitte ein, wie oben gesagt (I-II, Qu. [64], Art. [1]). Daher ist einer sittlichen Tugend ein zweifaches Laster entgegengesetzt: eines durch Übermaß, das andere durch Mangel. Wiederum kann die Mitte der Tugend überschritten werden, nicht nur hinsichtlich des Umstands, der "wieviel" genannt wird, sondern auch hinsichtlich anderer Umstände. So überschreitet bei gewissen Tugenden wie der Großherzigkeit und der Prachtliebe das Laster die Mitte der Tugend nicht dadurch, dass es zu etwas Größerem als die Tugend tendiert, sondern möglicherweise zu etwas Geringerem, und doch geht es über die Mitte der Tugend hinaus, indem es etwas tut, wem es nicht soll, oder wann es nicht soll, und in gleicher Weise bezüglich anderer Umstände, wie der Philosoph zeigt (Ethic. iv, 1,2,3).
Demgemäß ist der Aberglaube ein der Religion durch Übermaß entgegengesetztes Laster, nicht dass er dem göttlichen Kult mehr darbrächte als die wahre Religion, sondern weil er göttlichen Kult entweder darbringt, wem er nicht soll, oder auf eine Weise, wie er nicht soll.
Antwort auf Einwand 1: Wie wir metaphorisch vom Guten unter üblen Dingen sprechen – so sprechen wir von einem guten Dieb –, so werden auch manchmal die Namen der Tugenden durch Übertragung in einem üblen Sinne gebraucht. So wird Klugheit manchmal anstelle von Verschlagenheit gebraucht, gemäß Lk 16,8: "Die Kinder dieser Welt sind klüger [Douay: 'weiser'] in ihrer Art als die Kinder des Lichts." Auf diese Weise wird der Aberglaube als Religion bezeichnet.
Antwort auf Einwand 2: Die Etymologie eines Wortes unterscheidet sich von seiner Bedeutung. Denn seine Etymologie hängt davon ab, wovon es zum Zwecke der Bezeichnung hergenommen ist; seine Bedeutung hingegen hängt von dem Ding ab, auf das es angewendet wird, um es zu bezeichnen. Diese Dinge unterscheiden sich nun manchmal: Denn "lapis" [ein Stein] hat seinen Namen vom Verletzen des Fußes [laedere pedem], aber dies ist nicht seine Bedeutung, sonst wäre Eisen, da es den Fuß verletzt, ein Stein. In gleicher Weise folgt nicht, dass "Aberglaube" das bedeutet, wovon das Wort abgeleitet ist.
Antwort auf Einwand 3: Die Religion lässt kein Übermaß zu hinsichtlich der absoluten Quantität, aber sie lässt ein Übermaß zu hinsichtlich der proportionalen Quantität, insofern nämlich etwas im göttlichen Kult getan werden kann, was nicht getan werden sollte.