II-II, q. 90 a. 2
Ob es erlaubt ist, die Dämonen zu beschwören?
Quaestio 90 · Vom Gebrauch des Gottesnamens in der Weise der Beschwörung
1. Einwand: Es scheint unzulässig zu sein, die Dämonen zu beschwören. Origenes sagt (Tract. xxxv, super Matth.): „Die Dämonen zu beschwören, entspricht nicht der von unserem Erlöser gegebenen Vollmacht: denn dies ist ein jüdischer Brauch.“ Nun sollten wir aber nicht die Riten der Juden nachahmen, sondern die von Christus gegebene Vollmacht nutzen. Daher ist es nicht erlaubt, die Dämonen zu beschwören.
2. Einwand: Ferner bedienen sich viele nekromantischer Zauberformeln, wenn sie die Dämonen durch etwas Göttliches anrufen: und dies ist eine Beschwörung. Wenn es also erlaubt wäre, die Dämonen zu beschwören, wäre es auch erlaubt, sich nekromantischer Zauberformeln zu bedienen, was offensichtlich falsch ist. Daher ist auch der Vordersatz falsch.
3. Einwand: Ferner: Wer jemanden beschwört, verbindet sich durch eben diese Tatsache mit ihm. Nun ist es aber nicht erlaubt, Gemeinschaft mit den Dämonen zu haben, gemäß 1 Kor 10,20: „Ich will nicht, dass ihr Teilhaber der Teufel werdet.“ Daher ist es nicht erlaubt, die Dämonen zu beschwören.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Mk 16,17): „In meinem Namen werden sie Teufel austreiben.“ Jemanden aber dazu zu bewegen, etwas um des Namens Gottes willen zu tun, heißt beschwören. Daher ist es erlaubt, die Dämonen zu beschwören.
Ich antworte darauf, dass es, wie im vorhergehenden Artikel dargelegt, zwei Arten des Beschwörens gibt: eine durch Bitte oder Veranlassung aus Ehrfurcht vor einer heiligen Sache, die andere durch Zwang. Auf die erste Weise ist es nicht erlaubt, die Dämonen zu beschwören, weil eine solche Weise nach Wohlwollen oder Freundschaft zu schmecken scheint, welche gegenüber den Dämonen zu hegen unzulässig ist. Was die zweite Art der Beschwörung betrifft, die durch Zwang geschieht, so dürfen wir sie für manche Zwecke rechtmäßig gebrauchen, für andere jedoch nicht. Denn im Laufe dieses Lebens sind die Dämonen unsere Widersacher; und ihre Handlungen unterliegen nicht unserer Verfügung, sondern der Gottes und der heiligen Engel, weil, wie Augustinus sagt (De Trin. iii, 4), „der abtrünnige Geist vom gerechten Geist beherrscht wird“. Dementsprechend dürfen wir die Dämonen als unsere Feinde zurückweisen, indem wir sie durch die Kraft des Namens Gottes beschwören, damit sie uns weder an der Seele noch am Leib schaden, in Übereinstimmung mit der von Christus gegebenen göttlichen Vollmacht, wie es bei Lk 10,19 heißt: „Seht, ich habe euch Vollmacht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten und über die ganze Macht des Feindes: und nichts wird euch schaden.“
Es ist jedoch nicht erlaubt, sie zu dem Zweck zu beschwören, etwas von ihnen zu erfahren oder etwas durch sie zu erlangen, denn dies käme einer Gemeinschaft mit ihnen gleich; außer vielleicht, wenn gewisse heilige Männer durch besonderen Instinkt oder göttliche Offenbarung die Handlungen der Dämonen nutzen, um bestimmte Ergebnisse zu erzielen: so lesen wir vom seligen Jakobus [dem Älteren; vgl. Apokryphen, N.T., Hist. Certam. Apost. vi, 19], dass er Hermogenes durch die Vermittlung der Dämonen zu sich bringen ließ.
Antwort auf den 1. Einwand: Origenes spricht von einer Beschwörung, die nicht autoritativ im Wege des Zwangs erfolgt, sondern eher im Wege einer freundschaftlichen Anrufung.
Antwort auf den 2. Einwand: Nekromanten beschwören und rufen die Dämonen an, um etwas von ihnen zu erlangen oder zu erfahren; und dies ist unzulässig, wie oben dargelegt. Weshalb Chrysostomus in seinem Kommentar zu den Worten unseres Herrn an den unreinen Geist (Mk 1,25): „Verstumme und fahre aus von dem Menschen“, sagt: „Eine heilsame Lehre wird uns hier gegeben, damit wir den Dämonen nicht glauben, wie sehr sie auch die Wahrheit sprechen mögen.“
Antwort auf den 3. Einwand: Dieses Argument bezieht sich auf die Beschwörung, durch die die Hilfe des Dämons erfleht wird, um etwas zu tun oder zu erfahren; denn dies schmeckt nach Gemeinschaft mit ihnen. Andererseits bedeutet das Zurückweisen der Dämonen durch Beschwörung, sich von ihrer Gemeinschaft zu trennen.