II-II, q. 74 a. 1
Ob die Ohrenbläserei eine von der üblen Nachrede verschiedene Sünde ist?
Quaestio 74 · Von der Ohrenbläserei
Einwand 1: Es scheint, dass die Ohrenbläserei keine von der üblen Nachrede verschiedene Sünde ist. Denn Isidor sagt (Etym. x): "Der Ohrenbläser [susurro] hat seinen Namen vom Klang seiner Rede, denn er spricht herabsetzend nicht ins Gesicht, sondern ins Ohr." Aber über einen anderen herabsetzend zu sprechen, gehört zur üblen Nachrede. Also ist die Ohrenbläserei keine von der üblen Nachrede verschiedene Sünde.
Einwand 2: Ferner steht geschrieben (Lev 19,16): "Du sollst kein Verleumder [Douay: 'Ankläger'] noch ein Ohrenbläser unter dem Volk sein." Aber ein Verleumder ist anscheinend dasselbe wie einer, der üble Nachrede begeht. Also unterscheidet sich auch die Ohrenbläserei nicht von der üblen Nachrede.
Einwand 3: Ferner steht geschrieben (Sir 28,15): "Der Ohrenbläser und der Doppelzüngige sind verflucht." Aber ein Doppelzüngiger ist anscheinend dasselbe wie einer, der üble Nachrede übt, weil dieser mit doppelter Zunge spricht: mit der einen in deiner Abwesenheit, mit der anderen in deiner Anwesenheit. Also ist der Ohrenbläser dasselbe wie der, der üble Nachrede übt.
Dagegen spricht eine Glosse zu Röm 1,29.30 ("Ohrenbläser, Verleumder"): "Ohrenbläser säen Zwietracht unter Freunden; Verleumder leugnen oder schmälern das Gute anderer."
Ich antworte darauf, dass der Ohrenbläser und der Verleumder in der Materie übereinstimmen und auch in der Form oder Art zu reden, da beide im Verborgenen Böses über ihren Nächsten reden; und aus diesem Grund werden diese Begriffe manchmal einer für den anderen gebraucht. Daher sagt eine Glosse zu Sir 5,16 ("Lass dich nicht Ohrenbläser nennen"): "d.h. Verleumder." Sie unterscheiden sich jedoch im Ziel. Denn der Verleumder beabsichtigt, den guten Ruf des Nächsten zu schwärzen; weshalb er besonders jene Übel über seinen Nächsten vorbringt, die geeignet sind, ihn zu diffamieren oder zumindest seinen guten Ruf herabzusetzen. Der Ohrenbläser hingegen beabsichtigt, die Freundschaft zu trennen, wie aus der oben zitierten Glosse und aus dem Spruch in Spr 26,20 hervorgeht: "Wo der Ohrenbläser entfernt wird, hören die Streitigkeiten auf." Daher spricht ein Ohrenbläser solches Übel über seine Nächsten, das geeignet ist, das Gemüt seines Zuhörers gegen sie aufzubringen, gemäß Sir 28,11: "Ein sündiger Mensch wird Freunde beunruhigen und Streit in die Mitte derer bringen, die in Frieden leben."
Antwort auf Einwand 1: Ein Ohrenbläser wird insofern Verleumder genannt, als er Übles über einen anderen redet; doch unterscheidet er sich vom Verleumder, da er nicht beabsichtigt, Übles als solches zu reden, sondern alles zu sagen, was einen Menschen gegen den anderen aufbringen kann, selbst wenn es an sich gut ist, aber den Anschein des Übels hat, weil es dem Zuhörer unangenehm ist.
Antwort auf Einwand 2: Ein Ankläger unterscheidet sich vom Ohrenbläser und vom Verleumder; denn ein Ankläger ist jemand, der andere öffentlich Verbrechen beschuldigt, sei es durch Anklage oder durch Schimpfen, was auf den Verleumder oder Ohrenbläser nicht zutrifft.
Antwort auf Einwand 3: Ein Doppelzüngiger ist eigentlich ein Ohrenbläser. Denn da Freundschaft zwischen zweien besteht, strebt der Ohrenbläser danach, die Freundschaft auf beiden Seiten zu trennen. Daher bedient er sich einer doppelten Zunge gegenüber zwei Personen, indem er dem einen Übles über den anderen erzählt. Deshalb steht geschrieben (Sir 28,15): "Der Ohrenbläser und der Doppelzüngige sind verflucht", und dann wird hinzugefügt: "denn er hat viele beunruhigt, die in Frieden waren."