II-II, q. 6 a. 2
Ob der ungeformte Glaube eine Gabe Gottes ist?
Quaestio 6 · Von der Ursache des Glaubens
Einwand 1: Es scheint, dass der ungeformte Glaube [fides informis] keine Gabe Gottes ist. Denn es steht geschrieben (Dtn 32,4), dass „die Werke Gottes vollkommen sind.“ Nun ist der ungeformte Glaube etwas Unvollkommenes. Also ist er nicht das Werk Gottes.
Einwand 2: Ferner, so wie ein Akt deformiert genannt wird, weil ihm seine geschuldete Form fehlt, so wird auch der Glaube ungeformt genannt, wenn ihm die geschuldete Form fehlt. Nun ist der deformierte Akt der Sünde nicht von Gott, wie oben dargelegt (FS, Frage [79], Artikel [2], ad 2). Also ist auch der ungeformte Glaube nicht von Gott.
Einwand 3: Ferner, wen Gott heilt, den heilt er ganz; denn es steht geschrieben (Joh 7,23): „Wenn ein Mensch am Sabbat die Beschneidung empfängt, damit das Gesetz des Mose nicht gebrochen werde; zürnt ihr mir, weil ich den ganzen Menschen am Sabbat gesund gemacht habe?“ Nun heilt der Glaube den Menschen vom Unglauben. Wer also von Gott die Gabe des Glaubens empfängt, wird zugleich von all seinen Sünden geheilt. Dies geschieht aber nicht außer durch den lebendigen Glauben. Also ist der lebendige Glaube allein eine Gabe Gottes; und folglich ist der ungeformte Glaube nicht von Gott.
Dagegen spricht, was eine Glosse zu 1 Kor 13,2 sagt: „Der Glaube, dem die Liebe fehlt, ist eine Gabe Gottes.“ Dies aber ist der ungeformte Glaube. Also ist der ungeformte Glaube eine Gabe Gottes.
Ich antworte darauf, dass die Ungeformtheit eine Beraubung ist. Nun muss beachtet werden, dass eine Beraubung manchmal wesentlich für die Spezies ist, manchmal aber nicht, sondern zu einem Ding hinzukommt, das bereits seine eigene Spezies besitzt: so ist die Beraubung des geschuldeten Gleichgewichts der Säfte wesentlich für die Spezies der Krankheit, während Dunkelheit nicht wesentlich für einen durchsichtigen Körper ist, sondern zu ihm hinzukommt. Wenn wir daher die Ursache eines Dinges angeben, beabsichtigen wir, die Ursache jenes Dinges anzugeben, wie es in seiner eigenen Spezies existiert; daraus folgt, dass das, was nicht die Ursache der Beraubung ist, nicht als Ursache des Dinges angegeben werden kann, zu dem jene Beraubung als wesentlich für seine Spezies gehört. Denn wir können als Ursache einer Krankheit nicht etwas angeben, das nicht die Ursache der Störung der Säfte ist; obwohl wir als Ursache eines durchsichtigen Körpers etwas angeben können, das nicht die Ursache der Dunkelheit ist, welche nicht wesentlich für den durchsichtigen Körper ist.
Nun ist die Ungeformtheit des Glaubens nicht wesentlich für die Spezies des Glaubens, da der Glaube ungeformt genannt wird aufgrund des Fehlens einer äußeren Form, wie oben dargelegt (Frage [4], Artikel [4]). Folglich ist die Ursache des ungeformten Glaubens jene, die die Ursache des Glaubens im eigentlichen Sinne ist; und dies ist Gott, wie oben dargelegt (Artikel [1]). Es folgt daher, dass der ungeformte Glaube eine Gabe Gottes ist.
Antwort auf Einwand 1: Der ungeformte Glaube ist zwar nicht schlechthin vollkommen mit der Vollkommenheit einer Tugend, er ist jedoch vollkommen mit einer Vollkommenheit, die für den Wesensbegriff des Glaubens ausreicht.
Antwort auf Einwand 2: Die Deformität eines Aktes ist wesentlich für die Spezies des Aktes, betrachtet als moralischer Akt, wie oben dargelegt (FP, Frage [48], Artikel [1], ad 2; FS, Frage [18], Artikel [5]): denn ein Akt wird deformiert genannt, weil er einer inneren Form beraubt ist, nämlich der geschuldeten Abmessung der Umstände des Aktes. Daher können wir nicht sagen, dass Gott die Ursache eines deformierten Aktes ist, denn Er ist nicht die Ursache seiner Deformität, obwohl Er die Ursache des Aktes als solchen ist.
Wir können auch antworten, dass Deformität nicht nur die Beraubung einer geschuldeten Form bezeichnet, sondern auch eine entgegengesetzte Disposition, weshalb die Deformität sich zum Akt verhält wie die Falschheit zum Glauben. Daher, so wie der deformierte Akt nicht von Gott ist, so ist es auch ein falscher Glaube nicht; und wie der ungeformte Glaube von Gott ist, so sind auch Akte, die der Gattung nach gut sind, obwohl sie nicht durch die Liebe belebt sind, wie es bei Sündern häufig der Fall ist, von Gott.
Antwort auf Einwand 3: Wer den Glauben von Gott ohne die Liebe empfängt, wird vom Unglauben geheilt, nicht gänzlich (weil die Sünde seines früheren Unglaubens nicht entfernt wird), sondern zum Teil, nämlich in dem Punkt, dass er aufhört, diese oder jene Sünde zu begehen. So geschieht es häufig, dass ein Mensch von einer sündigen Handlung ablässt, indem Gott ihn dazu veranlasst, so abzulassen, ohne dass er von einer anderen sündigen Handlung ablässt, aufgrund der Anstiftung seiner eigenen Bosheit. Und auf diese Weise wird es einem Menschen manchmal von Gott gewährt zu glauben, und doch wird ihm nicht die Gabe der Liebe gewährt: so wie auch die Gabe der Prophetie oder dergleichen einigen ohne die Liebe gegeben wird.