II-II, q. 38 a. 2
Ist die Streitsucht eine Tochter der Ruhmsucht?
Quaestio 38 · Vom Streit
Einwand 1: Es scheint, dass die Streitsucht keine Tochter der Ruhmsucht ist. Denn Streitsucht ist verwandt mit dem Eifer, weshalb geschrieben steht (1 Kor 3,3): "Da unter euch Eifersucht und Streit sind, seid ihr nicht fleischlich und wandelt nach Menschenweise?" Nun gehört Eifer zum Neid. Also entspringt Streitsucht eher dem Neid.
Einwand 2: Ferner wird Streitsucht vom Erheben der Stimme begleitet. Die Stimme aber wird wegen des Zorns erhoben, wie Gregor erklärt (Moral. xxxi, 14). Also entspringt auch die Streitsucht dem Zorn.
Einwand 3: Ferner scheint unter anderem das Wissen der Gegenstand von Stolz und Ruhmsucht zu sein, gemäß 1 Kor 8,1: "Das Wissen bläht auf." Nun ist Streitsucht oft auf einen Mangel an Wissen zurückzuführen, und durch Wissen bekämpfen wir die Wahrheit nicht, sondern wir erkennen sie. Also ist Streitsucht keine Tochter der Ruhmsucht.
Dagegen spricht die Autorität Gregors (Moral. xxxi, 14).
Ich antworte darauf: Wie oben gesagt wurde (Q. 37, Art. 2), ist Zwietracht eine Tochter der Ruhmsucht, weil jeder der uneinigen Parteien an seiner eigenen Meinung festhält, anstatt dem anderen zuzustimmen. Nun ist es dem Stolz und der Ruhmsucht eigen, den eigenen Ruhm zu suchen. Und so wie Menschen uneins sind, wenn sie in ihren Herzen an ihrer eigenen Meinung festhalten, so sind sie streitsüchtig, wenn jeder seine eigene Meinung mit Worten verteidigt. Folglich wird die Streitsucht aus demselben Grund wie die Zwietracht als Tochter der Ruhmsucht gerechnet.
Antwort auf Einwand 1: Streitsucht ist, wie Zwietracht, mit dem Neid verwandt, insofern sich ein Mensch von demjenigen trennt, mit dem er uneins ist oder mit dem er streitet; aber insofern ein streitsüchtiger Mensch an etwas festhält, ist sie mit Stolz und Ruhmsucht verwandt, weil er nämlich an seiner eigenen Meinung hängt, wie oben gesagt wurde (Q. 37, Art. 2, zu 1).
Antwort auf Einwand 2: Die Streitsucht, von der wir sprechen, bedient sich einer lauten Stimme zum Zweck der Bekämpfung der Wahrheit, so dass dies nicht der Hauptteil der Streitsucht ist. Daher folgt nicht, dass die Streitsucht aus derselben Quelle entspringt wie das Erheben der Stimme.
Antwort auf Einwand 3: Stolz und Ruhmsucht werden hauptsächlich durch Güter veranlasst, sogar durch solche, die ihnen entgegengesetzt sind, zum Beispiel, wenn ein Mensch stolz auf seine Demut ist: denn wenn eine Sache auf diese Weise entsteht, geschieht dies nicht direkt, sondern akzidentell, auf welche Weise nichts hindert, dass ein Gegenteil aus einem anderen entsteht. Daher gibt es keinen Grund, warum die Wirkungen, die an sich und direkt aus Stolz oder Ruhmsucht folgen, nicht aus den Gegenteilen jener Dinge resultieren sollten, die der Anlass zum Stolz sind.