II-II, q. 177 a. 1
Ob eine unentgeltlich gegebene Gnade dem Worte zukommt?
Quaestio 177 · Von der unentgeltlich verliehenen Gnade, die in der Rede besteht
1. Einwand: Es scheint, dass dem Worte keine unentgeltlich gegebene Gnade zukommt. Denn die Gnade wird für das gegeben, was das natürliche Vermögen übersteigt. Die natürliche Vernunft aber hat die Redekunst ersonnen, durch die ein Mensch so zu sprechen vermag, dass er belehrt, erfreut und überredet, wie Augustinus sagt (De Doctr. Christ. iv, 12). Dies nun gehört zur Gnade der Rede. Also scheint die Gnade der Rede keine unentgeltlich gegebene Gnade zu sein.
2. Einwand: Ferner gehört alle Gnade zum Reiche Gottes. Der Apostel aber sagt (1 Kor 4,20): "Das Reich Gottes besteht nicht im Wort, sondern in der Kraft." Also ist mit den Worten keine unentgeltlich gegebene Gnade verbunden.
3. Einwand: Ferner wird keine Gnade durch Verdienst gegeben, denn "wenn aus Gnade, so ist es jetzt nicht aus Werken" (Röm 11,6). Aber das Wort wird dem Menschen bisweilen aufgrund seiner Verdienste gegeben. Denn Gregor sagt (Moral. xi, 15) zur Erklärung von Ps 118,43 ("Nimm das Wort der Wahrheit nicht gänzlich aus meinem Munde"): "Das Wort der Wahrheit ist das, was der allmächtige Gott denen gibt, die es tun, und von denen nimmt, die es nicht tun." Also scheint die Gabe des Wortes keine unentgeltlich gegebene Gnade zu sein.
4. Einwand: Ferner geziemt es dem Menschen, in Worten Dinge zu erklären, die zur Tugend des Glaubens gehören, nicht weniger als jene, die zur Gabe der Weisheit oder der Erkenntnis gehören. Wenn also das Wort der Weisheit und das Wort der Erkenntnis zu den unentgeltlich gegebenen Gnaden gerechnet werden, sollte das Wort des Glaubens gleichermaßen unter die unentgeltlich gegebenen Gnaden eingeordnet werden.
Dagegen spricht: Es steht geschrieben (Sir 6,5): "Eine liebreiche Zunge wird im guten Menschen überfließen [Vulg.: 'fließt über']." Nun ist die Güte des Menschen durch die Gnade. Also ist auch die Liebreichheit in Worten durch die Gnade.
Ich antworte darauf: Die unentgeltlich gegebenen Gnaden werden zum Nutzen der anderen gegeben, wie oben dargelegt wurde (FS, Frage [111], Artikel [1],4). Nun kann die Erkenntnis, die ein Mensch von Gott empfängt, nicht zum Nutzen eines anderen gewendet werden, außer durch das Mittel der Sprache. Und da der Heilige Geist in nichts fehlt, was zum Nutzen der Kirche gehört, versieht Er auch die Glieder der Kirche mit der Sprache; und zwar so, dass ein Mensch nicht nur so spricht, dass er von verschiedenen Menschen verstanden wird (was zur Gabe der Sprachen gehört), sondern auch mit Wirkung spricht, und dies gehört zur Gnade "des Wortes".
Dies geschieht auf dreifache Weise. Erstens, um den Verstand zu unterweisen, und dies ist der Fall, wenn ein Mensch spricht, um "zu lehren". Zweitens, um die Neigungen zu bewegen, so dass ein Mensch willig auf das Wort Gottes hört. Dies ist der Fall, wenn ein Mensch spricht, um seine Hörer "zu erfreuen", freilich nicht im Hinblick auf seine eigene Gunst, sondern um sie zum Hören auf Gottes Wort zu ziehen. Drittens, damit die Menschen das lieben, was durch das Wort bezeichnet wird, und begehren, es zu erfüllen; und dies ist der Fall, wenn ein Mensch so spricht, dass er seine Hörer "beugt". Um dies zu bewirken, bedient sich der Heilige Geist der menschlichen Zunge wie eines Werkzeugs; Er ist es aber, der das Werk im Inneren vollendet. Daher sagt Gregor in einer Homilie zu Pfingsten (Hom. xxx in Ev.): "Wenn nicht der Heilige Geist die Herzen der Hörer erfüllt, erschallt die Stimme des Lehrers vergeblich in den Ohren des Leibes."
Zu 1: Wie Gott durch ein Wunder bisweilen auf vorzüglichere Weise jene Dinge wirkt, die auch die Natur wirken kann, so bewirkt auch der Heilige Geist durch die Gnade der Worte auf vorzüglichere Weise das, was die Kunst auf weniger wirksame Weise bewirken kann.
Zu 2: Der Apostel spricht dort von dem Wort, das sich auf menschliche Beredsamkeit stützt ohne die Kraft des Heiligen Geistes. Daher sagt er kurz zuvor (1 Kor 4,19): "Ich werde... nicht die Rede derer kennenlernen, die aufgeblasen sind, sondern die Kraft": und von sich selbst hatte er bereits gesagt (1 Kor 2,4): "Meine Rede und meine Predigt bestand nicht in den überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in der Erweisung des Geistes und der Kraft."
Zu 3: Wie oben gesagt, wird die Gnade des Wortes dem Menschen zum Nutzen anderer gegeben. Daher wird sie bisweilen entzogen durch die Schuld des Hörers, und bisweilen durch die Schuld des Sprechers. Die guten Werke eines jeden von ihnen verdienen diese Gnade nicht direkt, sondern beseitigen nur die Hindernisse dafür. Denn auch die heiligmachende Gnade wird wegen der Schuld einer Person entzogen, und doch verdient sie diese nicht durch ihre guten Werke, welche jedoch die Hindernisse für die Gnade beseitigen.
Zu 4: Wie oben gesagt, ist die Gnade des Wortes auf den Nutzen anderer ausgerichtet. Wenn nun ein Mensch seinen Glauben anderen mitteilt, so geschieht dies durch das Wort der Erkenntnis oder der Weisheit. Daher sagt Augustinus (De Trin. xiv, 1), dass "zu wissen, wie der Glaube den Frommen nützen und gegen die Gottlosen verteidigt werden kann, anscheinend das ist, was der Apostel unter Erkenntnis versteht." Daher war es für ihn nicht notwendig, das Wort des Glaubens zu erwähnen, sondern es genügte ihm, das Wort der Erkenntnis und der Weisheit zu erwähnen.