II-II, q. 169 a. 1
Ob es in Bezug auf die äußere Kleidung Tugend und Laster geben kann?
Quaestio 169 · Über die Bescheidenheit in der äußeren Kleidung
Einwand 1: Es scheint, dass es in Bezug auf die äußere Kleidung keine Tugend und kein Laster geben kann. Denn der äußere Schmuck kommt uns nicht von Natur aus zu, weshalb er je nach Zeit und Ort variiert. Daher sagt Augustinus (De Doctr. Christ. iii, 12), dass es „bei den alten Römern anstößig war, einen Mantel mit Ärmeln zu tragen, der bis zu den Knöcheln reichte, während es jetzt anstößig ist, wenn jemand aus einem angesehenen Ort ohne einen solchen ist.“ Nun gibt es aber nach dem Philosophen (Ethic. ii, 1) in uns eine natürliche Anlage zu den Tugenden. Also gibt es bei solchen Dingen weder Tugend noch Laster.
Einwand 2: Ferner, wenn es bei der äußeren Kleidung Tugend und Laster gäbe, wäre das Übermaß in dieser Angelegenheit sündhaft. Nun ist aber ein Übermaß in der äußeren Kleidung anscheinend nicht sündhaft, da selbst die Diener des Altars im heiligen Dienst kostbarste Gewänder verwenden. Ebenso scheint es nicht sündhaft zu sein, darin Mangel zu leiden, denn es wird zum Lob gewisser Leute gesagt (Hebr 11,37): „Sie gingen in Schaf- und Ziegenfellen umher.“ Daher scheint es, dass es in dieser Angelegenheit weder Tugend noch Laster geben kann.
Einwand 3: Ferner ist jede Tugend entweder eine theologische, eine moralische oder eine intellektuelle. Eine intellektuelle Tugend beschäftigt sich jedoch nicht mit Materie dieser Art, da sie eine Vollkommenheit bezüglich der Erkenntnis der Wahrheit ist. Auch ist damit keine theologische Tugend verbunden, da diese Gott zum Gegenstand hat; noch ist eine der vom Philosophen aufgezählten moralischen Tugenden (Ethic. ii, 7) damit verbunden. Daher scheint es, dass es in Verbindung mit dieser Art von Kleidung weder Tugend noch Laster geben kann.
Dagegen spricht: Die Ehrbarkeit [*Vgl. Frage [145]] gehört zur Tugend. Nun wird eine gewisse Ehrbarkeit in der äußeren Kleidung beobachtet; denn Ambrosius sagt (De Offic. i, 19): „Der Körper soll natürlich geschmückt sein und ohne Künstelei, mit Einfachheit, eher mit Nachlässigkeit als mit Gesuchtheit, nicht mit kostbarer und blendender Kleidung, sondern mit gewöhnlicher, so dass der Ehrbarkeit und Notwendigkeit nichts fehle, aber auch nichts hinzugefügt werde, um die Schönheit zu steigern.“ Daher kann es in der äußeren Kleidung Tugend und Laster geben.
Ich antworte darauf: Das Laster liegt nicht in den äußeren Dingen selbst, die der Mensch gebraucht, sondern auf Seiten des Menschen, der sie unmäßig gebraucht. Dieser Mangel an Mäßigung tritt auf zwei Arten auf. Erstens im Vergleich zu den Sitten derer, unter denen man lebt; weshalb Augustinus sagt (Confess. iii, 8): „Jene Vergehen, die gegen die Sitten der Menschen verstoßen, sind gemäß der allgemein herrschenden Sitte zu meiden, damit das, was durch Sitte oder Gesetz einer Stadt oder Nation vereinbart und bekräftigt ist, nicht durch die gesetzlose Willkür eines Einzelnen, sei er Bürger oder Fremder, verletzt werde. Denn jeder Teil, der nicht mit seinem Ganzen übereinstimmt, ist anstößig.“ Zweitens kann der Mangel an Mäßigung im Gebrauch dieser Dinge aus der ungeordneten Anhänglichkeit des Benutzers entstehen, was dazu führt, dass ein Mensch manchmal zu viel Vergnügen an ihrem Gebrauch findet, sei es in Übereinstimmung mit der Sitte derer, unter denen er wohnt, oder entgegen einer solchen Sitte. Daher sagt Augustinus (De Doctr. Christ. iii, 12): „Wir müssen übermäßiges Vergnügen am Gebrauch der Dinge meiden, denn es führt nicht nur dazu, die Sitten derer, unter denen wir wohnen, auf üble Weise zu missbrauchen, sondern häufig auch deren Grenzen zu überschreiten, so dass es, während es verborgen blieb, solange es unter dem Zwang der etablierten Moral stand, seine Hässlichkeit in einem höchst gesetzlosen Ausbruch offenbart.“
Hinsichtlich des Übermaßes tritt diese ungeordnete Anhänglichkeit auf drei Arten auf. Erstens, wenn ein Mensch Ruhm durch übermäßige Aufmerksamkeit auf die Kleidung sucht; insofern Kleidung und dergleichen eine Art Schmuck sind. Daher sagt Gregor (Hom. xl in Ev.): „Es gibt einige, die denken, dass die Aufmerksamkeit auf Putz und kostbare Kleidung keine Sünde sei. Wahrlich, wenn dies kein Fehler wäre, würde das Wort Gottes nicht so ausdrücklich sagen, dass der reiche Mann, der in der Hölle gepeinigt wurde, in Purpur und feines Leinen gekleidet war. Niemand fürwahr sucht kostbare Kleidung“ (nämlich solche, die seinen Stand übersteigt) „außer aus Ruhmsucht.“ Zweitens, wenn ein Mensch sinnliche Lust durch übermäßige Aufmerksamkeit auf die Kleidung sucht, insofern die Kleidung auf das Wohlbefinden des Körpers ausgerichtet ist. Drittens, wenn ein Mensch in seiner Aufmerksamkeit auf die äußere Kleidung allzu besorgt ist [*Vgl. Frage [55], Artikel [6]].
Dementsprechend zählt Andronicus [*De Affectibus] drei Tugenden in Verbindung mit der äußeren Kleidung auf; nämlich „Demut“, welche das Suchen nach Ruhm ausschließt, weshalb er sagt, dass Demut „die Gewohnheit ist, übermäßigen Aufwand und Prunk zu vermeiden“; „Genügsamkeit“ [*Vgl. Frage [143], Einwand [4]], welche das Suchen nach sinnlicher Lust ausschließt, weshalb er sagt, dass „Genügsamkeit die Gewohnheit ist, die einen Menschen mit dem zufrieden macht, was angemessen ist, und ihn befähigt zu bestimmen, was in seiner Lebensweise geziemend ist“ (gemäß dem Wort des Apostels, 1 Tim 6,8): „Wenn wir Nahrung und Kleidung haben, so wollen wir uns daran genügen lassen“; — und „Einfachheit“, welche die übermäßige Sorge um solche Dinge ausschließt, weshalb er sagt, dass „Einfachheit eine Gewohnheit ist, die einen Menschen mit dem zufrieden macht, was er hat.“
Hinsichtlich des Mangels kann es auf zwei Arten eine ungeordnete Anhänglichkeit geben. Erstens, indem ein Mensch es vernachlässigt, die erforderliche Sorgfalt oder Mühe auf den Gebrauch der äußeren Kleidung zu verwenden. Weshalb der Philosoph sagt (Ethic. vii, 7), dass „es ein Zeichen von Verweichlichung ist, seinen Mantel auf dem Boden schleifen zu lassen, um die Mühe zu vermeiden, ihn hochzuheben.“ Zweitens, indem man Ruhm gerade aus dem Mangel an Aufmerksamkeit für die äußere Kleidung sucht. Daher sagt Augustinus (De Serm. Dom. in Monte ii, 12), dass „nicht nur der Glanz und Prunk äußerer Dinge, sondern auch Schmutz und Trauergewänder Gegenstand der Prahlerei sein können, umso gefährlicher, als sie ein Köder unter dem Deckmantel des Gottesdienstes sind“; und der Philosoph sagt (Ethic. iv, 7), dass „sowohl Übermaß als auch ungeordneter Mangel Gegenstand der Prahlerei sind.“
Antwort auf Einwand 1: Obwohl die äußere Kleidung nicht von der Natur kommt, gehört es zur natürlichen Vernunft, sie zu mäßigen; so dass wir von Natur aus geneigt sind, Empfänger der Tugend zu sein, welche die äußere Kleidung mäßigt.
Antwort auf Einwand 2: Diejenigen, die in eine Position der Würde gestellt sind, oder auch die Diener des Altars, sind in kostbarere Gewänder gekleidet als andere, nicht um ihres eigenen Ruhmes willen, sondern um die Erhabenheit ihres Amtes oder des göttlichen Kultes anzuzeigen: weshalb dies bei ihnen nicht sündhaft ist. Daher sagt Augustinus (De Doctr. Christ. iii, 12): „Wer äußere Dinge so gebraucht, dass er die Grenzen überschreitet, die von den guten Menschen, unter denen er wohnt, eingehalten werden, der zeigt entweder etwas dadurch an oder macht sich der Sünde schuldig, insofern er diese Dinge zur sinnlichen Lust oder zur Prahlerei gebraucht.“
Ebenso kann es Sünde auf Seiten des Mangels geben: obwohl es nicht immer eine Sünde ist, gröbere Kleidung als andere Leute zu tragen. Denn wenn dies aus Prahlerei oder Stolz geschieht, um sich über andere zu erheben, ist es eine Sünde des Aberglaubens; wenn dies jedoch geschieht, um das Fleisch zu zähmen oder den Geist zu demütigen, gehört es zur Tugend der Mäßigkeit. Daher sagt Augustinus (De Doctr. Christ. iii, 12): „Wer vergängliche Dinge mit größerer Zurückhaltung gebraucht, als es bei denen üblich ist, unter denen er wohnt, ist entweder mäßig oder abergläubisch.“ Besonders jedoch ziemt der Gebrauch grober Kleidung jenen, die durch Wort und Beispiel andere zur Buße drängen, wie es die Propheten taten, von denen der Apostel in der zitierten Passage spricht. Weshalb eine Glosse zu Mt 3,4 sagt: „Wer Buße predigt, trägt das Gewand der Buße.“
Antwort auf Einwand 3: Diese äußere Kleidung ist ein Anzeichen für den Stand des Menschen; weshalb Übermaß, Mangel und Mitte darin auf die Tugend der Wahrhaftigkeit beziehbar sind, welche der Philosoph (Ethic. ii, 7) Taten und Worten zuordnet, die Anzeichen für etwas sind, das mit dem Stand des Menschen verbunden ist.