II-II, q. 166 a. 1
Ob die eigentliche Materie der Wissbegierde die Erkenntnis ist?
Quaestio 166 · Von der Wissbegierde
1. Einwand: Es scheint, dass die Erkenntnis nicht die eigentliche Materie der Wissbegierde (studiositas) ist. Denn ein Mensch wird wissbegierig genannt, weil er auf gewisse Dinge Eifer (studium) verwendet. Nun soll der Mensch auf jede Materie Eifer verwenden, um das, was zu tun ist, recht zu tun. Also ist die Erkenntnis scheinbar nicht die spezielle Materie der Wissbegierde.
2. Einwand: Ferner steht die Wissbegierde im Gegensatz zur Neugier (curiositas). Die Neugier aber, die von "Sorge" (cura) abgeleitet ist, kann sich auch auf die Zierde der Kleidung und andere derartige Dinge beziehen, die den Körper betreffen; weshalb der Apostel sagt (Röm 13,14): "Pflegt das Fleisch nicht so, dass Begierden erwachen" (wörtl.: "Treibt nicht Sorge [curam] für das Fleisch...").
3. Einwand: Ferner steht geschrieben (Jer 6,13): "Vom Kleinsten unter ihnen bis zum Größten trachten alle nach Habsucht" (studet avaritiae). Die Habsucht bezieht sich aber eigentlich nicht auf die Erkenntnis, sondern eher auf den Besitz von Reichtümern, wie oben gesagt wurde (Qu. 118, Art. 2). Also bezieht sich die Wissbegierde, die von "Eifer" (studium) abgeleitet ist, nicht eigentlich auf die Erkenntnis.
Dagegen spricht, dass geschrieben steht (Spr 27,11): "Strebe nach Weisheit (stude sapientiae), mein Sohn, und erfreue mein Herz, damit du dem antworten kannst, der dich schmäht." Nun ist der Eifer (studium), der als Tugend gelobt wird, derselbe, zu dem das Gesetz drängt. Also bezieht sich die Wissbegierde eigentlich auf die "Erkenntnis".
Ich antworte darauf, dass Eifer (studium) eigentlich eine heftige Anwendung des Geistes auf etwas bezeichnet. Der Geist wird aber auf eine Sache nicht anders angewendet als dadurch, dass er sie erkennt. Daher geht die Anwendung des Geistes auf die Erkenntnis seiner Anwendung auf jene Dinge voraus, auf die der Mensch durch die Erkenntnis hingelenkt wird. Daher bezieht sich der Eifer an erster Stelle auf die Erkenntnis, und infolgedessen auf alle anderen Dinge, deren Ausführung durch die Erkenntnis geleitet werden muss. Die Tugenden aber beanspruchen jene Materie für sich, auf die sie sich an erster Stelle und vorzüglich beziehen; so bezieht sich die Tapferkeit auf Todesgefahren und die Mäßigkeit auf die Lustempfindungen des Tastsinns. Deshalb wird die Wissbegierde eigentlich der Erkenntnis zugeschrieben.
Antwort auf den 1. Einwand: In Bezug auf andere Angelegenheiten kann nichts recht getan werden, außer insofern es zuvor durch die erkennende Vernunft geleitet wird. Daher hat die Wissbegierde, auf welche Materie sie auch angewendet werden mag, einen vorrangigen Bezug zur Erkenntnis.
Antwort auf den 2. Einwand: Der Geist des Menschen wird aufgrund seiner Neigungen zu den Dingen hingezogen, für die er eine Zuneigung hat, gemäß Mt 6,21: "Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz." Und da der Mensch eine besondere Zuneigung zu jenen Dingen hat, die das Fleisch pflegen, folgt daraus, dass sich die Gedanken des Menschen mit Dingen beschäftigen, die sein Fleisch pflegen, so dass der Mensch zu erkennen sucht, wie er seinen Körper am besten erhalten kann. Demgemäß wird die Neugier den Dingen, die den Körper betreffen, zugerechnet aufgrund der Dinge, die die Erkenntnis betreffen.
Antwort auf den 3. Einwand: Die Habsucht verlangt nach dem Erwerb von Gewinn, und hierfür ist es sehr notwendig, in irdischen Dingen erfahren zu sein. Demgemäß wird die Wissbegierde (hier im Sinne von Eifer) den Dingen zugeschrieben, die zur Habsucht gehören.