II-II, q. 143 a. 1
Ob die Teile der Mäßigung richtig zugeordnet werden?
Quaestio 143 · Von den Teilen der Mäßigkeit im Allgemeinen
Einwand 1: Es scheint, dass Tullius (De Invent. Rhet. ii, 54) die Teile der Mäßigung unpassend zuordnet, wenn er behauptet, diese seien „Enthaltsamkeit, Milde und Bescheidenheit“. Denn die Enthaltsamkeit wird als von der Tugend verschieden angesehen (Ethic. vii, 1), wohingegen die Mäßigung unter die Tugend fällt. Also ist die Enthaltsamkeit kein Teil der Mäßigung.
Einwand 2: Ferner scheint die Milde Hass oder Zorn zu besänftigen. Die Mäßigung aber bezieht sich nicht auf diese Dinge, sondern auf die Lustempfindungen des Tastsinns, wie oben dargelegt wurde (Quaestio [141], Artikel [4]). Also ist die Milde kein Teil der Mäßigung.
Einwand 3: Ferner betrifft die Bescheidenheit das äußere Handeln, weshalb der Apostel sagt (Phil. 4,5): „Eure Bescheidenheit werde allen Menschen bekannt.“ Nun sind aber äußere Handlungen die Materie der Gerechtigkeit, wie oben dargelegt (Quaestio [58], Artikel [8]). Also ist die Bescheidenheit eher ein Teil der Gerechtigkeit als der Mäßigung.
Einwand 4: Ferner zählt Macrobius (In Somn. Scip. i, 8) viel mehr Teile der Mäßigung auf; denn er sagt, dass „die Mäßigung Bescheidenheit, Schamhaftigkeit, Abstinenz, Keuschheit, Ehrbarkeit, Maßhalten, Genügsamkeit, Nüchternheit und Reinheit zur Folge hat“. Auch Andronicus sagt [De Affectibus], dass „die Begleiterinnen der Mäßigung Ernst, Enthaltsamkeit, Demut, Einfachheit, Anstand, gute Ordnung und Selbstgenügsamkeit sind“. ['Per-se-sufficientiam', was mit 'Selbstgenügsamkeit' übersetzt werden könnte, wäre da nicht die Tatsache, dass dies in einem schlechten Sinne verstanden wird. Siehe Quaestio [169], Artikel [1].] Daher scheint es, dass Tullius die Teile der Mäßigung unzureichend aufgezählt hat.
Ich antworte darauf: Wie oben dargelegt (Quaestiones [48], 128), kann eine Kardinaltugend drei Arten von Teilen haben, nämlich integrierende, subjektive und potenzielle. Die integrierenden Teile einer Tugend sind jene Bedingungen, deren Zusammentreffen für die Tugend notwendig ist: und in dieser Hinsicht gibt es zwei integrierende Teile der Mäßigung, nämlich die „Schamhaftigkeit“, durch welche man vor der Schande zurückschreckt, die der Mäßigung entgegengesetzt ist, und die „Ehrbarkeit“, durch welche man die Schönheit der Mäßigung liebt. Denn wie oben dargelegt (Quaestio [141], Artikel [2], ad 3), beansprucht die Mäßigung mehr als jede andere Tugend eine gewisse Anmut für sich, und die Laster der Unmäßigkeit übertreffen die anderen an Schändlichkeit.
Die subjektiven Teile einer Tugend sind ihre Spezies: und die Spezies einer Tugend müssen gemäß dem Unterschied der Materie oder des Objekts unterschieden werden. Nun bezieht sich die Mäßigung auf die Lustempfindungen des Tastsinns, welche zweierlei Art sind. Denn einige sind auf die Ernährung ausgerichtet: und bei diesen gibt es in Bezug auf die Speise die „Abstinenz“, und in Bezug auf den Trank im eigentlichen Sinne die „Nüchternheit“. Andere Lustempfindungen sind auf die Zeugungskraft ausgerichtet, und bei diesen gibt es in Bezug auf die Hauptlust des Zeugungsaktes selbst die „Keuschheit“, und hinsichtlich der Lustempfindungen, die den Akt begleiten, wie sie etwa aus dem Küssen, Berühren oder Liebkosen entstehen, haben wir die „Reinheit“.
Die potenziellen Teile einer Haupttugend werden Sekundärtugenden genannt: denn während die Haupttugend das Maß in einer Hauptmaterie wahrt, wahren diese das Maß in einer anderen Materie, in der das Maßhalten nicht so schwierig ist. Nun kommt es der Mäßigung zu, die Lustempfindungen des Tastsinns zu mäßigen, welche am schwierigsten zu mäßigen sind. Daher kann jede Tugend, die in irgendeiner Materie Mäßigung bewirkt und das Begehren in seinem Impuls auf etwas hin zügelt, als Teil der Mäßigung gerechnet werden, gleichsam als eine ihr angegliederte Tugend.
Dies geschieht auf dreifache Weise: erstens in den inneren Regungen der Seele; zweitens in den äußeren Bewegungen und Handlungen des Körpers; drittens in den äußeren Dingen. Nun finden wir in der Seele außer der Regung der Begierde, welche die Mäßigung regelt und zügelt, drei Regungen auf ein bestimmtes Objekt hin. An erster Stelle steht die Regung des Willens, wenn er durch den Impuls der Leidenschaft erregt wird: und diese Regung wird durch die „Enthaltsamkeit“ gezügelt, deren Wirkung es ist, dass der Wille, auch wenn der Mensch unmäßige Begierden erleidet, diesen nicht erliegt. Eine andere innere Regung auf etwas hin ist die Regung der Hoffnung und des daraus resultierenden Wagemuts, und diese wird durch die „Demut“ gemäßigt oder gezügelt. Die dritte Regung ist die des Zorns, der zur Rache tendiert, und diese wird durch die „Sanftmut“ oder „Milde“ gezügelt.
Hinsichtlich der körperlichen Bewegungen und Handlungen ist Mäßigung und Zurückhaltung die Wirkung der „Bescheidenheit“, welche gemäß Andronicus drei Teile hat. Der erste von diesen befähigt einen zu unterscheiden, was zu tun ist und was nicht, und die richtige Ordnung einzuhalten und in dem zu verharren, was wir tun: dies ordnet er der „guten Ordnung“ zu. Der zweite ist, dass ein Mensch Anstand wahrt in dem, was er tut, und dies schreibt er dem „Anstand“ zu. Der dritte hat mit der Unterhaltung oder jedem anderen Umgang zwischen einem Menschen und seinen Freunden zu tun, und dies wird „Ernst“ genannt.
Hinsichtlich der äußeren Dinge ist ein zweifaches Maßhalten zu beachten. Erstens dürfen wir nicht zu viel begehren, und dem ordnet Macrobius die „Genügsamkeit“ zu, und Andronicus die „Selbstgenügsamkeit“; zweitens dürfen wir in unseren Anforderungen nicht zu wählerisch sein, und dem schreibt Macrobius das „Maßhalten“ zu, Andronicus die „Einfachheit“.
Antwort auf Einwand 1: Es ist wahr, dass sich die Enthaltsamkeit von der Tugend unterscheidet, so wie das Unvollkommene vom Vollkommenen, wie wir später darlegen werden (Quaestio [165], Artikel [1]); und in diesem Sinne wird sie der Tugend gegenübergestellt. Dennoch hat sie etwas mit der Mäßigung gemeinsam, sowohl was die Materie betrifft, da es um die Lustempfindungen des Tastsinns geht, als auch was die Art und Weise betrifft, da sie eine Art von Zurückhaltung ist. Daher wird sie passenderweise als Teil der Mäßigung zugeordnet.
Antwort auf Einwand 2: Milde oder Sanftmut wird nicht wegen einer Ähnlichkeit der Materie als Teil der Mäßigung gerechnet, sondern weil sie hinsichtlich der Art und Weise der Zurückhaltung und des Maßhaltens übereinstimmen, wie oben dargelegt.
Antwort auf Einwand 3: In der Materie des äußeren Handelns betrachtet die Gerechtigkeit das, was einem anderen geschuldet ist. Die Bescheidenheit betrachtet dies nicht, sondern nur ein gewisses Maßhalten. Daher wird sie nicht als Teil der Gerechtigkeit, sondern der Mäßigung gerechnet.
Antwort auf Einwand 4: Unter der Bescheidenheit fasst Tullius alles zusammen, was zur Mäßigung der körperlichen Bewegungen und der äußeren Dinge gehört, sowie die Mäßigung der Hoffnung, die wir der Demut zugerechnet haben.