II-II, q. 133 a. 2
Steht der Kleinmut im Gegensatz zur Großmut?
Quaestio 133 · Vom Kleinmut
Einwand 1: Es scheint, dass der Kleinmut nicht der Großmut entgegengesetzt ist. Denn der Philosoph sagt (Ethic. iv, 3), dass „der Kleinmütige sich selbst nicht kennt: denn er würde die guten Dinge begehren, deren er würdig ist, wenn er sich selbst kennte.“ Nun scheint Unkenntnis seiner selbst der Klugheit entgegengesetzt zu sein. Also ist der Kleinmut der Klugheit entgegengesetzt.
Einwand 2: Ferner nennt unser Herr den Knecht böse und faul, der sich aus Kleinmut weigerte, das Geld zu nutzen. Zudem sagt der Philosoph (Ethic. iv, 3), dass die Kleinmütigen faul zu sein scheinen. Nun ist die Faulheit der Sorgfalt entgegengesetzt, welche ein Akt der Klugheit ist, wie oben dargelegt (Quaestio [47], Artikel [9]). Also ist der Kleinmut nicht der Großmut entgegengesetzt.
Einwand 3: Ferner scheint der Kleinmut aus ungeordneter Furcht hervorzugehen; daher steht geschrieben (Jes 35,4): „Sagt den Kleinmütigen: Seid getrost und fürchtet euch nicht.“ Er scheint auch aus ungeordnetem Zorn hervorzugehen, gemäß Kol 3,21: „Ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Unwillen, damit sie nicht kleinmütig werden.“ Nun ist ungeordnete Furcht der Tapferkeit entgegengesetzt und ungeordneter Zorn der Sanftmut. Also ist der Kleinmut nicht der Großmut entgegengesetzt.
Einwand 4: Ferner ist das Laster, das im Gegensatz zu einer bestimmten Tugend steht, umso schwerwiegender, je unähnlicher es dieser Tugend ist. Nun ist der Kleinmut der Großmut unähnlicher als die Vermessenheit. Wenn also der Kleinmut der Großmut entgegengesetzt ist, folgt daraus, dass er eine schwerere Sünde ist als die Vermessenheit: dies widerspricht jedoch dem Wort aus Sir 37,3: „O böse Vermessenheit, woher stammst du?“ Also ist der Kleinmut nicht der Großmut entgegengesetzt.
Dagegen spricht, dass Kleinmut und Großmut sich unterscheiden wie Größe und Kleinheit der Seele, wie schon ihre Namen bezeichnen. Nun sind groß und klein Gegensätze. Also ist der Kleinmut der Großmut entgegengesetzt.
Ich antworte darauf, dass der Kleinmut auf dreifache Weise betrachtet werden kann. Erstens an sich; und so ist offensichtlich, dass er seiner Natur nach der Großmut entgegengesetzt ist, von der er sich unterscheidet, wie sich groß und klein in Bezug auf dasselbe Subjekt unterscheiden. Denn so wie der Großmütige aus Größe der Seele nach großen Dingen strebt, so schreckt der Kleinmütige aus Kleinheit der Seele vor großen Dingen zurück. Zweitens kann er in Bezug auf seine Ursache betrachtet werden, welche seitens des Intellekts die Unkenntnis der eigenen Befähigung ist, und seitens des Begehrungsvermögens die Furcht vor dem Versagen in dem, was man fälschlich für über das eigene Vermögen hinausgehend hält. Drittens kann er in Bezug auf seine Wirkung betrachtet werden, welche darin besteht, vor den großen Dingen zurückzuschrecken, deren man würdig ist. Aber wie oben gesagt (Quaestio [132], Artikel [2], ad 3), hängt der Gegensatz zwischen Laster und Tugend eher von ihrer jeweiligen Spezies ab als von ihrer Ursache oder Wirkung. Daher ist der Kleinmut der Großmut direkt entgegengesetzt.
Antwort auf Einwand 1: Dieses Argument betrachtet den Kleinmut, insofern er aus einer Ursache im Intellekt hervorgeht. Doch kann nicht eigentlich gesagt werden, dass er der Klugheit entgegengesetzt ist, selbst nicht in Bezug auf seine Ursache: weil Unwissenheit dieser Art nicht aus Unbedachtsamkeit hervorgeht, sondern aus Trägheit beim Erwägen der eigenen Fähigkeit, gemäß Ethic. iv, 3, oder beim Vollbringen dessen, was in der eigenen Macht steht.
Antwort auf Einwand 2: Dieses Argument betrachtet den Kleinmut unter dem Gesichtspunkt seiner Wirkung.
Antwort auf Einwand 3: Dieses Argument betrachtet den Gesichtspunkt der Ursache. Auch ist die Furcht, die den Kleinmut verursacht, nicht immer eine Furcht vor Todesgefahren: weshalb aus diesem Blickwinkel nicht folgt, dass der Kleinmut der Tapferkeit entgegengesetzt ist. Was den Zorn betrifft, so verursacht er, wenn wir ihn unter dem Aspekt seiner eigentlichen Bewegung betrachten, durch die ein Mensch zur Rache aufgestachelt wird, keinen Kleinmut, der die Seele entmutigt; im Gegenteil, er nimmt ihn weg. Wenn wir jedoch die Ursachen des Zorns betrachten, welche zugefügte Verletzungen sind, durch die die Seele des Menschen, der sie erleidet, entmutigt wird, so trägt er zum Kleinmut bei.
Antwort auf Einwand 4: Seiner eigentlichen Spezies nach ist der Kleinmut eine schwerere Sünde als die Vermessenheit, da sich der Mensch dadurch von guten Dingen zurückzieht, was gemäß Ethic. iv ein sehr großes Übel ist. Die Vermessenheit jedoch wird als „böse“ bezeichnet aufgrund des Stolzes, aus dem sie hervorgeht.