II-II, q. 127 a. 2
Ob die Kühnheit der Tapferkeit entgegengesetzt ist?
Quaestio 127 · Von der Kühnheit
Einwand 1: Es scheint, dass die Kühnheit der Tapferkeit nicht entgegengesetzt ist. Denn ein Übermaß an Kühnheit scheint aus einer Vermessenheit des Geistes hervorzugehen. Vermessenheit aber gehört zum Stolz, der der Demut entgegengesetzt ist. Also ist die Kühnheit eher der Demut entgegengesetzt als der Tapferkeit.
Einwand 2: Ferner scheint die Kühnheit keinen Tadel zu verdienen, außer insofern sie zu einem Schaden führt, sei es für den Kühnen selbst, der sich ungeordnet in Gefahr begibt, oder für andere, die er kühn angreift oder der Gefahr aussetzt. Dies aber gehört anscheinend zur Ungerechtigkeit. Also ist die Kühnheit, insofern sie eine Sünde bezeichnet, nicht der Tapferkeit, sondern der Gerechtigkeit entgegengesetzt.
Einwand 3: Ferner befasst sich die Tapferkeit mit Furcht und Kühnheit, wie oben gesagt (q. 123, a. 3). Da nun die Furchtsamkeit der Tapferkeit hinsichtlich eines Übermaßes an Furcht entgegengesetzt ist, gibt es ein anderes Laster, das der Furchtsamkeit hinsichtlich eines Mangels an Furcht entgegengesetzt ist. Wenn also die Kühnheit der Tapferkeit im Punkt übermäßiger Kühnheit entgegengesetzt ist, müsste es ebenso ein Laster geben, das ihr im Punkt mangelnder Kühnheit entgegengesetzt ist. Aber ein solches Laster gibt es nicht. Also sollte auch die Kühnheit nicht als ein Laster gerechnet werden, das im Gegensatz zur Tapferkeit steht.
Dagegen spricht, dass der Philosoph sowohl im zweiten als auch im dritten Buch der Ethik die Kühnheit als der Tapferkeit entgegengesetzt rechnet.
Ich antworte darauf, dass es, wie oben gesagt (q. 126, a. 2), zu einer sittlichen Tugend gehört, die vernunftgemäße Mitte in der Materie einzuhalten, mit der sie sich befasst. Daher ist jedes Laster, das einen Mangel an Mäßigung in der Materie einer sittlichen Tugend bezeichnet, dieser Tugend entgegengesetzt, wie das Unmäßige dem Mäßigen. Nun impliziert die Kühnheit, insofern sie ein Laster bezeichnet, ein Übermaß der Leidenschaft, und dieses Übermaß läuft unter dem Namen Kühnheit. Daher ist es offensichtlich, dass sie der Tugend der Tapferkeit entgegengesetzt ist, die sich mit Furcht und Kühnheit befasst, wie oben gesagt (q. 122, a. 3).
Antwort auf Einwand 1: Der Gegensatz zwischen Laster und Tugend hängt nicht hauptsächlich von der Ursache des Lasters ab, sondern von der Spezies des Lasters selbst. Daher ist es nicht notwendig, dass die Kühnheit derselben Tugend entgegengesetzt ist wie die Vermessenheit, die ihre Ursache ist.
Antwort auf Einwand 2: So wie der direkte Gegensatz eines Lasters nicht von seiner Ursache abhängt, so hängt er auch nicht von seiner Wirkung ab. Nun ist der durch die Kühnheit angerichtete Schaden ihre Wirkung. Daher hängt auch der Gegensatz der Kühnheit nicht davon ab.
Antwort auf Einwand 3: Die Bewegung der Kühnheit besteht darin, dass ein Mensch gegen das, was ihm entgegensteht, zum Angriff übergeht: und die Natur neigt ihn dazu an, außer insofern eine solche Neigung durch die Furcht gehindert wird, von jener Quelle Schaden zu erleiden. Daher hat das Laster, das in der Kühnheit das Maß überschreitet, keinen entgegengesetzten Mangel, außer allein die Furchtsamkeit. Doch begleitet die Kühnheit nicht immer ein so großer Mangel an Furchtsamkeit; denn wie der Philosoph sagt (Ethic. 3, 7), sind „die Kühnen voreilig und begierig, der Gefahr zu begegnen, versagen aber, wenn die Gefahr gegenwärtig ist“, nämlich aus Furcht.