II-II, q. 127 a. 1
Ob die Kühnheit Sünde sei?
Quaestio 127 · Von der Kühnheit
Einwand 1: Es scheint, dass die Kühnheit keine Sünde ist. Denn es steht geschrieben (Ijob 39,21) über das Pferd, durch welches nach Gregor (Moral. 31) der fromme Prediger bezeichnet wird: „kühn zieht es den Gewappneten entgegen“ [*Vulg.: ‚es stampft kühn, es zieht den Gewappneten entgegen‘]. Aber kein Laster gereicht einem Menschen zum Lob. Also ist es keine Sünde, kühn zu sein.
Einwand 2: Ferner sagt der Philosoph (Ethic. 6, 9): „Man soll langsam beratschlagen, aber schnell ausführen, was beschlossen ist.“ Die Kühnheit aber hilft zu dieser Schnelligkeit im Handeln. Also ist die Kühnheit nicht sündhaft, sondern lobenswert.
Einwand 3: Ferner ist die Kühnheit eine Leidenschaft, die durch die Hoffnung verursacht wird, wie oben gesagt wurde (I-II, q. 45, a. 2), als von den Leidenschaften gehandelt wurde. Die Hoffnung aber wird nicht als Sünde, sondern als Tugend gerechnet. Also darf auch die Kühnheit nicht als Sünde gerechnet werden.
Dagegen spricht, was geschrieben steht (Sir 8,18): „Geh nicht mit einem Waghalsigen auf den Weg, damit er nicht seine Übel auf dich lade.“ Nun ist die Gemeinschaft mit niemandem zu meiden, außer wegen der Sünde. Also ist die Kühnheit eine Sünde.
Ich antworte darauf, dass die Kühnheit, wie oben gesagt (I-II, q. 23, a. 1; q. 55), eine Leidenschaft ist. Eine Leidenschaft nun wird manchmal gemäß der Vernunft gemäßigt, manchmal aber ermangelt sie der Mäßigung, sei es durch Übermaß oder durch Mangel, und aus diesem Grund ist die Leidenschaft sündhaft. Zudem werden die Namen der Leidenschaften manchmal im Sinne des Übermaßes gebraucht; so sprechen wir vom Zorn und meinen nicht irgendeinen, sondern den übermäßigen Zorn, in welchem Fall er sündhaft ist. Und in gleicher Weise wird die Kühnheit, insofern sie ein Übermaß impliziert, als Sünde gerechnet.
Antwort auf Einwand 1: Dort ist von der Kühnheit die Rede, die durch die Vernunft gemäßigt ist; denn in diesem Sinne gehört sie zur Tugend der Tapferkeit.
Antwort auf Einwand 2: Es ist lobenswert, schnell zu handeln, nachdem man Rat gepflogen hat, was ein Akt der Vernunft ist. Aber schnell handeln zu wollen, bevor man Rat gepflogen hat, ist nicht lobenswert, sondern sündhaft; denn dies hieße, übereilt zu handeln, was ein Laster ist, das der Klugheit entgegengesetzt ist, wie oben gesagt (q. 58, a. 3). Daher ist die Kühnheit, die dazu führt, schnell zu handeln, insoweit lobenswert, als sie von der Vernunft geleitet wird.
Antwort auf Einwand 3: Einige Laster sind unbenannt, und ebenso auch einige Tugenden, wie der Philosoph bemerkt (Ethic. 2, 7; 4, 4.5.6). Daher müssen die Namen gewisser Leidenschaften auf gewisse Laster und Tugenden angewandt werden: und um Laster zu bezeichnen, verwenden wir besonders die Namen jener Leidenschaften, deren Gegenstand ein Übel ist, wie im Falle von Hass, Furcht, Zorn und Kühnheit. Hoffnung und Liebe aber haben ein Gut zum Gegenstand, und so gebrauchen wir sie eher, um Tugenden zu bezeichnen.