I, q. 38 a. 2
Ob „Gabe“ der Eigenname des Heiligen Geistes ist?
Quaestio 38 · Vom Namen des Heiligen Geistes als Gabe
Einwand 1: Es scheint, dass Gabe nicht der Eigenname des Heiligen Geistes ist. Denn der Name Gabe kommt vom Gegebenwerden. Aber wie Jes 9,6 sagt: „Ein Sohn ist uns gegeben.“ Also kommt es dem Sohn ebenso zu, Gabe zu sein, wie dem Heiligen Geist.
Einwand 2: Ferner bezeichnet jeder Eigenname einer Person eine Eigentümlichkeit. Aber dieses Wort Gabe bezeichnet keine Eigentümlichkeit des Heiligen Geistes. Also ist Gabe kein Eigenname des Heiligen Geistes.
Einwand 3: Ferner kann der Heilige Geist der Geist eines Menschen genannt werden, wohingegen er nicht die Gabe irgendeines Menschen genannt werden kann, sondern nur „Gottes Gabe“. Also ist Gabe nicht der Eigenname des Heiligen Geistes.
Dagegen spricht, dass Augustinus sagt (De Trin. iv, 20): „Wie für den Sohn ‚geboren werden‘ bedeutet, vom Vater zu sein, so bedeutet für den Heiligen Geist ‚die Gabe Gottes zu sein‘, vom Vater und vom Sohn hervorzugehen.“ Der Heilige Geist erhält aber seinen Eigennamen aus der Tatsache, dass er vom Vater und vom Sohn hervorgeht. Also ist Gabe der Eigenname des Heiligen Geistes.
Ich antworte darauf, dass Gabe, personal in Gott genommen, der Eigenname des Heiligen Geistes ist.
Zum Beweis dessen muss man wissen, dass eine Gabe eigentlich eine nicht rückzahlbare Gebung ist, wie Aristoteles sagt (Topic. iv, 4) – d.h. eine Sache, die nicht mit der Absicht einer Rückgabe gegeben wird – und sie enthält so den Begriff einer unentgeltlichen Schenkung. Nun ist der Grund dafür, dass eine Schenkung unentgeltlich ist, die Liebe; denn deshalb geben wir jemandem etwas unentgeltlich, insofern wir ihm Gutes wollen. Was wir ihm also zuerst geben, ist die Liebe, durch die wir ihm Gutes wollen. Daher ist es offenkundig, dass die Liebe die Natur einer ersten Gabe hat, durch welche alle freien Gaben gegeben werden. Da also der Heilige Geist als Liebe hervorgeht, wie oben dargelegt (Frage 27, Artikel 4; Frage 37, Artikel 1), geht er als die erste Gabe hervor. Daher sagt Augustinus (De Trin. xv, 24): „Durch die Gabe, welche der Heilige Geist ist, werden viele besondere Gaben an die Glieder Christi ausgeteilt.“
Antwort auf Einwand 1: Wie der Sohn eigentlich Bild genannt wird, weil er nach der Weise eines Wortes hervorgeht, dessen Natur es ist, das Abbild seines Prinzips zu sein, obwohl auch der Heilige Geist dem Vater gleich ist; so wird auch, weil der Heilige Geist vom Vater als Liebe hervorgeht, er eigentlich Gabe genannt, obwohl auch der Sohn gegeben wird. Denn dass der Sohn gegeben wird, kommt aus der Liebe des Vaters, gemäß den Worten: „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab“ (Joh 3,16).
Antwort auf Einwand 2: Der Name Gabe schließt den Begriff ein, dem Geber durch seinen Ursprung zu gehören; und so schließt er die Eigentümlichkeit des Ursprungs des Heiligen Geistes ein – das heißt, seinen Hervorgang.
Antwort auf Einwand 3: Bevor eine Gabe gegeben wird, gehört sie nur dem Geber; wenn sie aber gegeben ist, gehört sie dem, dem sie gegeben wird. Weil also „Gabe“ nicht das tatsächliche Geben einschließt, kann sie nicht eine Gabe des Menschen genannt werden, sondern die Gabe des gebenden Gottes. Wenn sie jedoch gegeben worden ist, dann ist sie der Geist des Menschen oder eine dem Menschen verliehene Gabe.