I, q. 2 a. 1
Ob das Dasein Gottes an sich bekannt ist?
Quaestio 2 · Das Dasein Gottes
Einwand 1: Es scheint, dass das Dasein Gottes an sich bekannt ist. Denn als an sich bekannt gilt uns das, dessen Erkenntnis uns natürlich eingepflanzt ist, wie wir es bei den ersten Prinzipien sehen. Wie aber Damascenus sagt (De Fide Orth. i, 1,3), ist „die Erkenntnis, dass Gott ist, allen von Natur aus eingepflanzt.“ Also ist das Dasein Gottes an sich bekannt.
Einwand 2: Ferner wird dasjenige als an sich bekannt bezeichnet, was erkannt wird, sobald die Begriffe bekannt sind; was der Philosoph (1 Poster. iii) von den ersten Prinzipien des Beweises sagt. Wenn man nämlich weiß, was ein Ganzes und was ein Teil ist, erkennt man sofort, dass jedes Ganze größer ist als sein Teil. Sobald man aber die Bedeutung des Wortes „Gott“ versteht, sieht man sofort ein, dass Gott existiert. Denn durch dieses Wort wird etwas bezeichnet, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Das aber, was in der Wirklichkeit und im Verstande existiert, ist größer als das, was nur im Verstande existiert. Da also, sobald das Wort „Gott“ verstanden wird, dieser im Verstande existiert, folgt auch, dass er in Wirklichkeit existiert. Also ist der Satz „Gott ist“ an sich bekannt.
Einwand 3: Ferner ist das Dasein der Wahrheit an sich bekannt. Denn wer leugnet, dass die Wahrheit existiert, gibt zu, dass die Wahrheit nicht existiert: Wenn aber die Wahrheit nicht existiert, dann ist der Satz „Die Wahrheit existiert nicht“ wahr: und wenn etwas wahr ist, muss es Wahrheit geben. Gott aber ist die Wahrheit selbst: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Also ist der Satz „Gott ist“ an sich bekannt.
Dagegen spricht, dass niemand das Gegenteil dessen, was an sich bekannt ist, im Geiste zugeben kann, wie der Philosoph (Metaph. iv, lect. vi) bezüglich der ersten Prinzipien des Beweises feststellt. Das Gegenteil des Satzes „Gott ist“ kann jedoch im Geiste zugelassen werden: „Der Tor sprach in seinem Herzen: Es ist kein Gott“ (Ps 52,1). Also ist das Dasein Gottes nicht an sich bekannt.
Ich antworte darauf, dass eine Sache auf zweifache Weise an sich bekannt sein kann: einerseits an sich, aber nicht für uns; andererseits an sich und auch für uns. Ein Satz ist an sich bekannt, weil das Prädikat im Wesen des Subjekts eingeschlossen ist, wie z.B. „Der Mensch ist ein Lebewesen“, denn Lebewesen ist im Wesen des Menschen enthalten. Wenn also das Wesen von Prädikat und Subjekt allen bekannt ist, wird der Satz für alle an sich bekannt sein; wie dies bei den ersten Prinzipien des Beweises klar ist, deren Begriffe allgemeine Dinge sind, die niemandem unbekannt sind, wie Seiendes und Nicht-Seiendes, Ganzes und Teil und dergleichen. Wenn aber das Wesen von Prädikat und Subjekt einigen unbekannt ist, so wird der Satz zwar an sich bekannt sein, aber nicht für jene, die die Bedeutung des Prädikats und des Subjekts des Satzes nicht kennen. Daher geschieht es, wie Boethius sagt (Hebdom., deren Titel lautet: „Ob alles, was ist, gut ist“), „dass es einige allgemeine geistige Konzeptionen gibt, die nur den Weisen an sich bekannt sind, wie z.B., dass unkörperliche Substanzen nicht im Raume sind.“ Daher sage ich, dass dieser Satz „Gott ist“ an sich bekannt ist, denn das Prädikat ist dasselbe wie das Subjekt, weil Gott sein eigenes Sein ist, wie später gezeigt werden wird (Frage [3], Artikel [4]). Weil wir aber das Wesen Gottes nicht kennen, ist der Satz für uns nicht an sich bekannt; sondern er muss durch Dinge bewiesen werden, die uns bekannter sind, wenngleich ihrer Natur nach weniger bekannt – nämlich durch die Wirkungen.
Antwort auf Einwand 1: Zu wissen, dass Gott ist, ist uns in einer allgemeinen und etwas verworrenen Weise von Natur aus eingepflanzt, insofern Gott die Glückseligkeit des Menschen ist. Denn der Mensch verlangt von Natur aus nach Glückseligkeit, und was vom Menschen natürlich verlangt wird, muss ihm natürlich bekannt sein. Dies ist jedoch nicht dasselbe, wie schlechthin zu wissen, dass Gott existiert; so wie zu wissen, dass jemand kommt, nicht dasselbe ist, wie zu wissen, dass Petrus kommt, auch wenn es Petrus ist, der kommt; denn es gibt viele, die sich vorstellen, dass das vollkommene Gut des Menschen, welches die Glückseligkeit ist, im Reichtum besteht, andere in Vergnügungen und wieder andere in etwas anderem.
Antwort auf Einwand 2: Vielleicht versteht nicht jeder, der dieses Wort „Gott“ hört, dass es etwas bezeichnet, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, da einige geglaubt haben, Gott sei ein Körper. Doch selbst angenommen, dass jeder versteht, dass durch das Wort „Gott“ das bezeichnet wird, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann, so folgt daraus dennoch nicht, dass er versteht, dass das, was das Wort bezeichnet, in der Wirklichkeit existiert, sondern nur, dass es im Verstande existiert. Auch kann nicht argumentiert werden, dass es tatsächlich existiert, es sei denn, es würde zugegeben, dass tatsächlich etwas existiert, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann; und genau dies wird von denen nicht zugegeben, die behaupten, dass Gott nicht existiert.
Antwort auf Einwand 3: Das Dasein der Wahrheit im Allgemeinen ist an sich bekannt, aber das Dasein einer Ersten Wahrheit ist für uns nicht an sich bekannt.