Nemesius
Catena Aurea · Matthäusevangelium 6
31 Sorgt euch also nicht und sagt nicht: Was werden wir essen? oder: Was werden wir trinken? oder: Was werden wir anziehen? 32 Denn nach all dem trachten die Heiden. Euer himmlischer Vater weiß ja, dass ihr das alles braucht. 33 Sucht vielmehr zuerst das Reich und seine Gerechtigkeit: dann wird euch all das dazugegeben.
(De Nat. Hom. 42.) Dass es eine Vorsehung gibt, wird durch folgende Zeichen gezeigt: Der Fortbestand aller Dinge, besonders derer, die im Zustand des Verfalls und der Wiederherstellung sind, und der Ort und die Ordnung aller existierenden Dinge wird immer in ein und demselben Zustand bewahrt; und wie könnte dies geschehen, wenn nicht durch eine waltende Macht? Aber einige behaupten, dass Gott zwar für den allgemeinen Fortbestand aller Dinge im Universum sorgt und dafür vorsorgt, dass aber alle besonderen Ereignisse vom Zufall abhängen. Nun gibt es nur drei Gründe, die angeführt werden können, dass Gott keine Vorsehung für besondere Ereignisse ausübt: entweder ist Gott unwissend, dass es gut ist, Kenntnis von besonderen Dingen zu haben; oder Er will nicht; oder Er kann nicht. Aber Unwissenheit ist gänzlich fremd für die selige Substanz; denn wie sollte Gott nicht wissen, was jeder weise Mensch weiß, dass, wenn die Einzeldinge zerstört würden, das Ganze zerstört würde? Aber nichts hindert, dass alle Individuen zugrunde gehen, wenn keine Macht über sie wacht. Wenn Er wiederum nicht will, muss dies aus einem von zwei Gründen sein: Untätigkeit oder die Geringfügigkeit der Beschäftigung. Aber Untätigkeit wird durch zwei Dinge hervorgerufen: entweder werden wir durch irgendein Vergnügen abgelenkt oder durch irgendeine Furcht gehindert, von denen keines fromm von Gott angenommen werden kann. Wenn sie behaupten, es wäre unziemlich, weil es unter solcher Seligkeit ist, sich zu so geringfügigen Dingen herabzulassen, wie ist es dann nicht widersprüchlich, dass ein Handwerker, der eine ganze Maschine überwacht, keinen noch so unbedeutenden Teil ohne Beachtung lässt, da er weiß, dass das Ganze nur aus den Teilen besteht, und so Gott den Schöpfer aller Dinge für weniger weise erklären als Handwerker? Wenn es aber ist, dass Er nicht kann, dann kann Er uns keine Wohltaten erweisen. Aber wenn wir die Art der besonderen Vorsehung nicht begreifen können, haben wir deshalb noch kein Recht, ihre Wirkung zu leugnen; wir könnten ebenso gut sagen, dass, weil wir die Zahl der Menschheit nicht kannten, es deshalb keine Menschen gäbe.