
Augustinus von Hippo
Catena Aurea · Matthäusevangelium 5
43 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. 44 Ich aber sage euch: Liebt euere Feinde und betet für die, die euch verfolgen, 45 damit ihr Söhne eueres Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. 46 Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn habt ihr dafür? Machen nicht auch die Zöllner dasselbe? 47 Und wenn ihr nur euere Brüder grüßt, was tut ihr da Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? 48 Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.
(cont. Faust. xix. 24.) Ich frage die Manichäer, warum sie dies für eigentümlich für das mosaische Gesetz halten wollen, dass von ihnen in alten Zeiten gesagt wurde: Du sollst deinen Feind hassen? Hat nicht Paulus von bestimmten Menschen gesagt, dass sie Gott verhasst waren? Wir müssen also untersuchen, wie wir verstehen können, dass nach dem Beispiel Gottes, dem der Apostel hier einige Menschen als verhasst bezeichnet, unsere Feinde zu hassen sind; und wiederum nach demselben Vorbild dessen, der seine Sonne über Böse und Gute aufgehen lässt, unsere Feinde zu lieben sind. Hier ist also die Regel, nach der wir zugleich unseren Feind um des Bösen willen, das in ihm ist, das heißt seine Ungerechtigkeit, hassen und ihn um des Guten willen, das in ihm ist, das heißt seinen vernünftigen Teil, lieben können. Dies also, so von den Alten geäußert, aber nicht verstanden, trieb die Menschen zum Hass auf den Menschen, während sie nichts als das Laster hätten hassen sollen. Solche korrigiert der Herr, indem er fortfährt und sagt: Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde. Er, der gerade erklärt hatte, dass er nicht gekommen sei, das Gesetz aufzuheben, sondern zu erfüllen, brachte uns durch das Gebot, unsere Feinde zu lieben, zum Verständnis, wie wir zugleich denselben Menschen für seine Sünden hassen können, den wir für seine menschliche Natur lieben.