
Hilarius von Poitiers
Catena Aurea · Matthäusevangelium 27
45 Von der sechsten Stunde an aber kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. 46 Um die neunte Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lema sabachtani?, das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? 47 Als einige von den Umstehenden das hörten, sagten sie: Er ruft Elija. 48 Sofort lief einer von ihnen hin, nahm einen Schwamm, füllte ihn mit Essig, steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. 49 Die Übrigen aber sagten: Lass, wir wollen sehen, ob Elija kommt, um ihn zu retten. 50 Da schrie Jesus noch einmal laut auf und gab den Geist auf.
(de Trin. x. 50 &c.) Aus diesen Worten behaupten ketzerische Geister entweder, dass Gott das Wort zur Zeit, als es die Funktion einer Seele bei der Belebung des Leibes ausübte, völlig in die Seele aufgenommen wurde; oder dass Christus nicht als Mensch geboren werden konnte, weil das Göttliche Wort in ihm nach Art eines prophetischen Geistes wohnte. Als ob Jesus Christus ein Mensch mit gewöhnlicher Seele und Leib wäre, der seinen Anfang erst nahm, als er Mensch zu werden begann, und so nun, nachdem der Schutz von Gottes Wort entzogen ist, ruft: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Oder wenigstens, dass die Natur des Wortes in Seele verwandelt wurde, Christus, der in allen Dingen von der Unterstützung seines Vaters abhing, nun verlassen und dem Tod überlassen, über diese Verlassenheit klagt und mit ihm, der fortgeht, hadert. Aber inmitten dieser gottlosen und schwachen Meinungen trennt der Glaube der Kirche, durchtränkt von apostolischer Lehre, Christus nicht, so dass er als Sohn Gottes und nicht als Sohn des Menschen betrachtet würde. Die Klage über sein Verlassensein ist die Schwachheit des sterbenden Menschen; die Verheißung des Paradieses ist das Reich des lebendigen Gottes. Du hast ihn klagen, dass er dem Tod überlassen ist, und so ist er Mensch; du hast ihn, wie er sterbend erklärt, dass er im Paradies herrscht; und so ist er Gott. Wundere dich also nicht über die Demut dieser Worte, wenn du die Gestalt eines Knechtes kennst und das Ärgernis des Kreuzes siehst.