
Hieronymus
Catena Aurea · Matthäusevangelium 23
5 Mit allem, was sie tun, wollen sie sich vor den Menschen zur Schau stellen. Sie machen ihre Gebetsriemen breit und ihre Mantelquasten lang, 6 lieben den Ehrenplatz bei den Gastmählern, die ersten Sitze in den Synagogen, 7 die Begrüßungen auf den Marktplätzen und lassen sich von den Leuten Rabbi (Meister) nennen. 8 Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder. 9 Auch sollt ihr niemand unter euch auf der Erde Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. 10 Auch Lehrer sollt ihr euch nicht nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer: Christus. 11 Der Größte unter euch soll euer Diener sein. 12 Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.
Denn der Herr, als er durch Moses die Gebote des Gesetzes gegeben hatte, fügte am Ende hinzu: Und du sollst sie zum Zeichen auf deine Hand binden, und sie sollen immer vor deinen Augen sein; (Dtn. 6,8.) was bedeutet: Laß meine Vorschriften in deiner Hand sein, damit sie in deinen Werken erfüllt werden; laß sie vor deinen Augen sein, damit du Tag und Nacht über sie nachsinnst. Dies mißdeuteten die Pharisäer, schrieben auf Pergament den Dekalog des Moses, das heißt die Zehn Gebote, und falteten sie zusammen, banden sie auf ihre Stirn und machten sie so zu einer Krone für ihr Haupt, damit sie immer vor ihren Augen seien. Moses hatte an einer anderen Stelle geboten, daß sie Quasten von blauer Farbe an den Säumen ihrer Gewänder machen sollten, um das Volk Israel zu unterscheiden (Num. 15,39.); damit, wie am Körper die Beschneidung, so am Gewand die Quaste die jüdische Nation kennzeichne. Aber diese abergläubischen Lehrer, die nach Volksgunst haschten und Gewinn aus törichten Frauen zogen, machten breite Säume und befestigten sie mit scharfen Nadeln, damit sie, wenn sie gingen oder saßen, gestochen würden und durch solche Mahner an die Pflichten des Dienstes Gottes erinnert würden. Diese Stickerei des Dekalogs nannten sie nun Phylakterien, das heißt Bewahrungsmittel, weil die, die sie trugen, sie zu ihrem eigenen Schutz und Sicherheit trugen. So wenig verstanden die Pharisäer, daß sie am Herzen und nicht am Körper zu tragen waren; denn in gleichem Maße kann man sagen, daß Kisten und Truhen Bücher haben, die gewiß nicht die Erkenntnis Gottes haben.