Pseudo-Chrysostomus
Catena Aurea · Matthäusevangelium 22
34 Als die Pharisäer hörten, dass er die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie zusammen, 35 und einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, fragte ihn, um ihn auf die Probe zu stellen: 36 Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste? 37 Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Vernunft. 38 Das ist das wichtigste und erste Gebot. 39 Das Zweite ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. 40 An diesen beiden Geboten hängen das ganze Gesetz und die Propheten.
Aber der Herr antwortet ihm so, dass er sogleich die Verstellung seiner Frage aufdeckt: Jesus spricht zu ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand. Du sollst lieben, nicht ‚fürchten‘, denn Lieben ist mehr als Fürchten; Fürchten gehört den Sklaven, Lieben den Söhnen; Furcht ist im Zwang, Liebe in der Freiheit. Wer Gott aus Furcht dient, entgeht der Strafe, hat aber nicht den Lohn der Gerechtigkeit, weil er aus Furcht ungern Gutes tat. Gott will nicht, dass ihm Menschen wie einem Herrn sklavisch dienen, sondern dass er wie ein Vater geliebt wird, weil er den Menschen den Geist der Kindschaft gegeben hat. Gott aber mit ganzem Herzen lieben heißt, das Herz so geneigt haben, dass es nichts mehr als Gott liebt. Gott wiederum mit ganzer Seele lieben heißt, den Geist auf die Wahrheit gerichtet haben und im Glauben feststehen. Denn die Liebe des Herzens und die Liebe der Seele sind verschieden. Die erste ist gewissermaßen fleischlich, dass wir Gott sogar mit unserem Fleisch lieben, was wir nicht können, wenn wir nicht zuvor von der Liebe zu den Dingen dieser Welt ablassen. Die Liebe des Herzens wird im Herzen empfunden, die Liebe der Seele aber wird nicht empfunden, sondern wahrgenommen, weil sie in einem Urteil der Seele besteht. Denn wer glaubt, dass alles Gute in Gott ist und dass ohne ihn nichts Gutes ist, der liebt Gott mit seiner ganzen Seele. Gott aber mit dem ganzen Verstand lieben heißt, alle Fähigkeiten für ihn offen und unbesetzt haben. Nur der liebt Gott mit seinem ganzen Verstand, dessen Verstand Gott dient, dessen Weisheit mit Gott beschäftigt ist, dessen Gedanken in den Dingen Gottes sich mühen und dessen Gedächtnis das Gute festhält.