
Hilarius von Poitiers
Catena Aurea · Matthäusevangelium 14
6 Als nun Herodes Geburtstag hatte, tanzte die Tochter der Herodias vor den Gästen und gefiel Herodes so gut, 7 dass er unter Eid versprach, ihr alles zu geben, was immer sie wünschte. 8 Sie aber sagte, angestiftet von ihrer Mutter: Gib mir hier auf einer Schüssel den Kopf Johannes des Täufers. 9 Da wurde der König betrübt, aber wegen seiner Schwüre und wegen der Gäste befahl er, ihn ihr zu geben. 10 Er sandte hin und ließ Johannes im Gefängnis enthaupten. 11 Sein Kopf wurde auf einer Schüssel gebracht und dem Mädchen gegeben und sie brachte ihn ihrer Mutter. 12 Da kamen seine Jünger, holten den Leichnam und begruben ihn. Dann gingen sie zu Jesus und berichteten ihm davon.
Mystisch bedeutet Johannes das Gesetz; denn das Gesetz predigte Christus, und Johannes kam aus dem Gesetz und predigte Christus aus dem Gesetz. Herodes ist der Fürst des Volkes, und der Fürst des Volkes trägt den Namen und die Sache des ganzen ihm unterstellten Leibes. Johannes warnte also Herodes, dass er nicht die Frau seines Bruders zu sich nehmen dürfe. Denn es gibt und es gab zwei Völker, das der Beschneidung und das der Heiden; und diese sind Brüder, Kinder desselben Stammvaters des Menschengeschlechts, aber das Gesetz warnte Israel, dass es nicht die Werke der Heiden und den Unglauben, der ihnen wie durch das Band ehelicher Liebe verbunden war, zu sich nehmen dürfe. Am Geburtstag, das heißt inmitten der Genüsse der leiblichen Dinge, tanzte die Tochter der Herodias; denn die Lust, gleichsam aus dem Unglauben entspringend, wurde in ihrem verführerischen Lauf durch ganz Israel getragen, und das Volk band sich daran wie durch einen Eid, denn für Sünde und weltliche Lüste verkauften die Israeliten die Gaben des ewigen Lebens. Sie (die Lust) bat auf Anraten ihrer Mutter, des Unglaubens, dass ihr das Haupt des Johannes gegeben werde, das heißt der Ruhm des Gesetzes; aber das Volk, das das Gute im Gesetz kannte, gab diese Bedingungen der Lust preis, nicht ohne Schmerz über seine eigene Gefahr, im Bewusstsein, dass es einen so großen Ruhm seiner Lehrer nicht hätte aufgeben dürfen. Aber gezwungen durch seine Sünden wie durch die Kraft eines Eides, sowie überwältigt von der Furcht und verdorben durch das Beispiel der benachbarten Fürsten, gibt es traurig den Schmeicheleien der Lust nach. So wird unter den anderen Vergnügungen eines ausschweifenden Volkes das Haupt des Johannes auf einer Schüssel hereingebracht, das heißt durch den Verlust des Gesetzes werden die Lüste des Leibes und der weltliche Luxus vermehrt. Es wird von der Magd zu ihrer Mutter getragen; so opferte das verdorbene Israel den Ruhm des Gesetzes der Lust und dem Unglauben. Als die Zeiten des Gesetzes abgelaufen und mit Johannes begraben waren, verkünden seine Jünger dem Herrn, was geschehen ist, indem sie, das heißt, vom Gesetz zum Evangelium kommen.