
Augustinus von Hippo
Catena Aurea · Matthäusevangelium 11
20 Darauf begann er, den Städten, in denen die meisten seiner Machttaten geschehen waren, zu drohen, weil sie nicht umgekehrt waren: 21 Wehe dir, Chorazin! Wehe dir, Betsaida! Wenn in Tyrus und Sidon die Machttaten geschehen wären, die bei euch geschehen sind, längst schon hätten sie sich in Sack und Asche bekehrt. 22 Ich sage euch: Tyrus und Sidon wird es am Tag des Gerichts erträglicher ergehen als euch. 23 Und du, Kafarnaum: Wirst du wohl bis zum Himmel erhoben werden? Bis zur Unterwelt wirst du hinabfahren! Wenn in Sodom die Machttaten geschehen wären, die bei dir geschahen, es stünde noch bis auf den heutigen Tag. 24 Ich sage euch: Dem Gebiet von Sodom wird es am Tag des Gerichts erträglicher ergehen als dir.
(De Don. Pers. 10.) Ein gewisser katholischer Disputant von einigem Ansehen legte diese Stelle des Evangeliums folgendermaßen aus: Dass der Herr vorherwusste, dass die von Tyrus und Sidon vom Glauben abfallen würden, nachdem sie den unter ihnen gewirkten Wundern geglaubt hätten; und dass er daher in Barmherzigkeit seine Wunder dort nicht wirkte; weil sie eine schwerere Strafe auf sich geladen hätten, wenn sie nach dem Besitz des Glaubens abgefallen wären, als wenn sie ihn nie besessen hätten. Oder anders: Der Herr kannte sicherlich seine Barmherzigkeiten voraus, mit denen er uns zu erlösen geruht. Und dies ist die Vorherbestimmung der Heiligen, nämlich die Vorherkenntnis und Bereitung der Barmherzigkeiten Gottes, durch die sie ganz gewiss gerettet werden, wer auch immer gerettet wird. Die übrigen sind dem gerechten Gericht Gottes in der allgemeinen Masse der Verdammten überlassen, wo die von Tyrus und Sidon gelassen werden, die hätten glauben können, wenn sie die vielen Wunder Christi gesehen hätten; aber da ihnen nicht gegeben wurde, dass sie glauben sollten, wurde daher auch das zurückgehalten, wodurch sie hätten glauben können. Daraus erhellt, dass es gewisse gibt, die in ihrer Anlage von Natur eine göttliche Gabe des Verstandes haben, durch die sie zum Glauben bewegt würden, wenn sie entweder Worte hörten oder Zeichen sähen, die ihrem Geist angepasst sind. Aber wenn sie nicht durch das hohe Urteil Gottes aus der Masse des Verderbens durch die Vorherbestimmung der Gnade ausgesondert werden, dann werden ihnen weder Worte noch Werke von Gott vorgelegt, die sie, hätten sie sie sehen oder hören können, doch zum Glauben angeregt hätten. In dieser allgemeinen Masse des Verderbens sind auch die Juden gelassen, die nicht glauben konnten, obwohl so große und offenkundige Wunder vor ihren Augen gewirkt wurden. Und den Grund, warum sie nicht glauben konnten, hat das Evangelium nicht verborgen, wenn es so spricht: „Obwohl er so große Zeichen vor ihnen tat, konnten sie doch nicht glauben, wie Jesaja sagte: Ich habe ihre Augen geblendet und ihr Herz verhärtet.“ (Johannes 12,37) Nicht auf diese Weise also wurden die Augen derer von Tyrus und Sidon geblendet oder ihr Herz verhärtet, denn sie hätten geglaubt, wenn sie solche Wunder gesehen hätten, wie diese sahen. Aber es nützte jenen nicht, dass sie hätten glauben können, weil sie nicht vorherbestimmt waren; noch hätte es diesen gehindert, dass sie nicht glauben konnten, wenn sie so vorherbestimmt gewesen wären, dass Gott ihre Blindheit erleuchtet und das steinerne Herz aus ihnen genommen hätte.