Theophylakt von Ohrid
Catena Aurea · Lukasevangelium 19
11 Als sie dies hörten, fuhr er fort und erzählte ein Gleichnis; denn er war (schon) nahe bei Jerusalem und sie meinten, das Reich Gottes werde sogleich erscheinen. 12 Er sagte: Ein Mann von edler Abkunft reiste in ein fernes Land, um die Königswürde zu erlangen und dann zurückzukehren. 13 Er rief zehn seiner Knechte zu sich und gab ihnen zehn Minen und sagte zu ihnen: Macht damit Geschäfte, bis ich zurückkomme! 14 Seine Mitbürger aber hassten ihn und schickten eine Gesandtschaft hinter ihm her und ließen sagen: Wir wollen nicht, dass dieser Mann unser König wird. 15 Nachdem er die Königswürde erlangt hatte, kehrte er zurück und ließ die Knechte rufen, denen er das Geld gegeben hatte, um zu erfahren, was ein jeder erhandelt hatte. 16 Der Erste kam und sagte: Herr, deine Mine hat zehn Minen hinzuerworben. 17 Da sagte er zu ihm: Recht so, du guter Knecht! Weil du in Geringem treu gewesen bist, sollst du die Herrschaft über zehn Städte haben. 18 Der zweite kam und sagte: Herr, deine Mine hat fünf Minen eingetragen. 19 Auch zu diesem sagte er: Auch du sollst über fünf Städte gebieten. 20 Und ein anderer kam und sagte: Herr, da ist deine Mine, die ich in einem Schweißtuch verwahrt habe; 21 denn ich hatte Angst vor dir, weil du ein harter Mann bist. Du nimmst, was du nicht angelegt, und erntest, was du nicht gesät hast. 22 Da sagte er zu ihm: Aus deinem Mund richte ich dich, du schlechter Knecht! Du wusstest, dass ich ein harter Mann bin, dass ich nehme, was ich nicht angelegt, und ernte, was ich nicht gesät habe. 23 Warum hast du mein Geld nicht auf die Bank gegeben? Dann hätte ich es bei meiner Rückkehr mit Zinsen abheben können. 24 Und zu den Umstehenden sagte er: Nehmt ihm die Mine und gebt sie dem, der die zehn Minen hat! 25 Sie sagten zu ihm: Herr, er hat doch schon zehn Minen. 26 Ich sage euch: Jedem, der hat, wird gegeben werden; wer aber nicht hat, dem wird auch das, was er hat, genommen. 27 Diese meine Feinde aber, die nicht wollten, dass ich ihr König werde -- bringt sie her und macht sie vor meinen Augen nieder!
Denn da er zehn gewann, indem er sein Pfund verzehnfachte, ist es klar, dass er, indem er mehr zu vermehren hätte, für seinen Herrn Anlass zu größerem Gewinn wäre. Von dem Trägen aber und Faulen, der sich nicht rührt, das zu vermehren, was er empfangen hat, wird sogar das genommen werden, was er besitzt, damit keine Lücke in der Rechnung des Herrn entstehe, wenn es anderen gegeben und vermehrt wird. Aber dies ist nicht nur auf die Worte Gottes und die Lehre anzuwenden, sondern auch auf die sittlichen Tugenden; denn auch hinsichtlich dieser sendet Gott uns seine gnadenvollen Gaben, indem er den einen mit Fasten, den anderen mit Gebet, einen anderen mit Sanftmut oder Demut ausstattet; aber alle diese werden wir vermehren, solange wir streng über uns wachen, wenn wir aber erkalten, werden wir sie auslöschen. Er fügt über seine Feinde hinzu: Doch jene meine Feinde, die nicht wollten, dass ich über sie herrsche, bringt sie hierher und tötet sie vor mir.