
Johannes Chrysostomus
Catena Aurea · Lukasevangelium 15
11 Ferner sagte er: Ein Mann hatte zwei Söhne. 12 Der jüngere von ihnen sagte zum Vater: Vater, gib mir den Anteil des Vermögens, der mir zukommt. Da teilte er den Besitz unter sie auf. 13 Wenige Tage darauf packte der jüngere Sohn alles zusammen, zog fort in ein fernes Land und vergeudete dort sein Vermögen durch ein verschwenderisches Leben. 14 Nachdem er alles durchgebracht hatte, kam eine schwere Hungersnot über das Land und er fing an, Mangel zu leiden. 15 Da ging er zu einem Bürger jenes Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn auf seine Felder zum Schweinehüten. 16 Gerne hätte er sich den Magen mit den Schoten gefüllt, die die Schweine fraßen, aber niemand gab sie ihm.
(ut sup.) Nun sagt die Schrift, dass der Vater sein Vermögen gleichmäßig zwischen seinen beiden Söhnen aufteilte, das heißt die Erkenntnis des Guten und des Bösen, die ein wahrer und ewiger Besitz für die Seele ist, die ihn gut gebraucht. Das Vermögen der Vernunft, das von Gott zu den Menschen bei ihrer frühesten Geburt fließt, wird allen, die in diese Welt kommen, gleichermaßen gegeben, aber nach dem darauf folgenden Umgang findet sich, dass jeder mehr oder weniger von dem Vermögen besitzt; da der eine glaubt, dass das, was er empfangen hat, von seinem Vater stammt, bewahrt er es als sein Erbe, ein anderer missbraucht es als etwas, das durch die Freiheit seines eigenen Besitzes verschwendet werden kann. Die Freiheit des Willens aber zeigt sich darin, dass der Vater weder den Sohn zurückhielt, der fortgehen wollte, noch den anderen zwang zu gehen, der bleiben wollte, damit er nicht eher als Urheber des daraus folgenden Übels erschiene. Aber der jüngste Sohn ging weit weg, nicht indem er seinen Ort wechselte, sondern indem er sein Herz abwandte. Daher folgt: Er zog in ein fernes Land.