Gregor von Nyssa
Catena Aurea · Lukasevangelium 15
8 Oder welche Frau, die zehn Drachmen hat und eine Drachme verliert, zündet nicht ein Licht an und kehrt das Haus und sucht sorgfältig, bis sie sie findet? 9 Und hat sie sie gefunden, so ruft sie ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir; denn ich habe die Drachme gefunden, die ich verloren hatte. 10 Ebenso, sage ich euch, wird bei den Engeln Gottes Freude sein über einen einzigen Sünder, der umkehrt.
(lib. de Virgin. c. 12.) Oder sonst; dies, so vermute ich, ist es, was unser Herr uns bei der Suche nach dem verlorenen Silberstück vor Augen stellt, dass uns kein Vorteil aus den äußeren Tugenden erwächst, die er Silberstücke nennt, obwohl sie alle unser sind, solange jenes eine der verwaisten Seele fehlt, durch das sie in Wahrheit den Glanz des göttlichen Bildes erlangt. Deshalb befiehlt er uns zuerst, ein Licht anzuzünden, das heißt das göttliche Wort, das Verborgenes ans Licht bringt, oder vielleicht die Fackel der Buße. Aber im eigenen Haus, das heißt in sich selbst und im eigenen Gewissen, muss der Mensch das verlorene Silberstück suchen, das heißt das königliche Bild, das nicht völlig zerstört, sondern unter dem Schmutz verborgen ist, was seine Verderbnis durch das Fleisch bedeutet, und wenn dieser sorgfältig abgewischt, das heißt durch ein wohlgeführtes Leben ausgewaschen ist, leuchtet hervor, was gesucht wurde. Daher muss die, welche es gefunden hat, sich freuen und die Nachbarinnen (das heißt die begleitenden Tugenden) einladen, an ihrer Freude teilzuhaben, Vernunft, Begehren und Zorn und welche Kräfte auch immer rings um die Seele beobachtet werden, die sie lehrt, sich im Herrn zu freuen. Dann, das Gleichnis abschließend, fügt er hinzu: Es ist Freude vor den Engeln über einen Sünder, der Buße tut.