
Gregor der Große
Catena Aurea · Lukasevangelium 15
1 Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören. 2 Die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sagten: Der nimmt Sünder an und isst mit ihnen. 3 Da sagte er ihnen dieses Gleichnis: 4 Wer von euch, der hundert Schafe hat und eines von ihnen verliert, lässt nicht die neunundneunzig in der Wüste und geht dem verlorenen nach, bis er es findet? 5 Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf seine Schultern, 6 und wenn er nach Hause kommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war. 7 Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude sein über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die der Umkehr nicht bedürfen.
(ubi sup.) Doch er lässt gelten, dass im Himmel mehr Freude über den bekehrten Sünder ist als über den Gerechten, der standhaft bleibt; denn letzterer steht zwar, da er sich meist nicht von der Last seiner Sünden bedrückt fühlt, auf dem Weg der Gerechtigkeit, seufzt aber dennoch nicht ängstlich nach dem himmlischen Vaterland, und ist oft langsam, gute Werke zu tun, aus seinem Vertrauen darauf, dass er keine schweren Sünden begangen hat. Andererseits werden mitunter jene, die sich bestimmter begangener Ungerechtigkeiten erinnern, im Herzen getroffen und entflammen gerade aus ihrem Schmerz zur Liebe Gottes; und weil sie bedenken, dass sie von Gott abgewichen sind, machen sie ihre früheren Verluste durch die nachfolgenden Gewinne wett. Größer ist also die Freude im Himmel, so wie der Anführer im Kampf jenen Soldaten mehr liebt, der, vom Fliehen umgekehrt, tapfer den Feind verfolgt, als den, der nie den Rücken wandte und nie eine tapfere Tat vollbrachte. So liebt der Landmann eher jenes Land, das nach Dornen reichlich Frucht bringt, als jenes, das nie Dornen hatte und ihm nie eine reiche Ernte gab. Doch in der Zwischenzeit müssen wir bedenken, dass es sehr viele Gerechte gibt, in deren Leben so viel Freude ist, dass keine Buße von Sündern, wie groß sie auch sei, ihnen irgendwie vorgezogen werden kann. Daraus können wir entnehmen, welche große Freude es Gott bereitet, wenn der Gerechte demütig trauert, wenn es Freude im Himmel bewirkt, dass der Ungerechte durch seine Reue das Böse verurteilt, das er getan hat.