Theophylakt von Ohrid
Catena Aurea · Lukasevangelium 12
35 Euere Lenden sollen umgürtet sein und euere Lampen brennen. 36 Ihr sollt Menschen gleichen, die ihren Herrn erwarten, wenn er von der Hochzeit zurückkehrt, damit sie ihm sogleich auftun, wenn er kommt und anklopft. 37 Wohl jenen Knechten, die der Herr bei seiner Ankunft wach findet! Amen, ich sage euch: Er wird sich gürten, sie zu Tische bitten, kommen und sie bedienen. 38 Und wenn er in der zweiten oder dritten Nachtwache kommt und sie wach findet, wohl ihnen! 39 Das aber bedenkt: Wenn der Hausvater wüsste, in welcher Stunde der Dieb kommt, so würde er nicht in sein Haus einbrechen lassen. 40 Darum seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht vermutet.
Nachdem unser Herr seine Jünger Mäßigung gelehrt und ihnen alle Sorge und Einbildung dieses Lebens genommen hat, führt er sie nun dazu, zu dienen und zu gehorchen, indem er sagt: Eure Lenden seien umgürtet, das heißt, stets bereit, das Werk eures Herrn zu tun, und eure Lampen brennen, das heißt, führt kein Leben in Finsternis, sondern habt bei euch das Licht der Vernunft, das euch zeigt, was zu tun und was zu meiden ist. Denn diese Welt ist die Nacht, aber jene haben ihre Lenden umgürtet, die einem praktischen oder tätigen Leben folgen. Denn so ist die Beschaffenheit der Diener, die auch brennende Lampen bei sich haben müssen; das heißt, die Gabe der Unterscheidung, damit der tätige Mensch nicht nur unterscheiden kann, was er tun soll, sondern auch auf welche Weise; sonst stürzen die Menschen den Abgrund des Hochmuts hinab. Wir müssen aber beachten, dass er zuerst befiehlt, unsere Lenden zu umgürten, zweitens, unsere Lampen brennen zu lassen. Denn zuerst kommt die Tat, dann die Überlegung, die eine Erleuchtung des Geistes ist. Lasst uns also bestreben, die Tugenden zu üben, damit wir zwei brennende Lampen haben, das heißt, die Auffassung des Geistes, die immer in der Seele leuchtet, wodurch wir selbst erleuchtet werden, und die Lehre, wodurch wir andere erleuchten.