
Basilius der Große
Catena Aurea · Lukasevangelium 11
9 Darum sage ich euch: Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch aufgetan. 10 Denn jeder, der bittet, empfängt, und wer sucht, findet, und wer anklopft, dem wird aufgetan. 11 Wo ist unter euch ein Vater, der, wenn ihn sein Sohn um einen Fisch bittet, ihm statt des Fisches eine Schlange gäbe? 12 Oder wenn er um ein Ei bittet, ihm einen Skorpion gäbe? 13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, eueren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten.
(in Const. c. 1.) Wenn sich auch jemand aus Trägheit seinen Begierden hingibt und sich selbst in die Hände seiner Feinde ausliefert, so hilft ihm Gott weder noch erhört er ihn, weil er sich durch die Sünde von Gott entfremdet hat. Es ziemt sich also für einen Menschen, alles, was ihm gehört, darzubringen, aber zu Gott zu schreien, dass er ihm helfe. Nun müssen wir die göttliche Hilfe nicht lässig erflehen, noch mit einem hin und her schwankenden Geist, weil ein solcher nicht nur nicht erlangt, was er sucht, sondern vielmehr Gott zum Zorn reizt. Denn wenn ein Mensch, der vor einem Fürsten steht, sein Auge nach innen und außen gerichtet hält, damit er nicht etwa bestraft werde, wie viel mehr muss er vor Gott wachsam und zitternd stehen? Wenn du aber durch die Sünde aufgerüttelt nicht imstande bist, standhaft nach Kräften zu beten, so zügle dich, damit du, wenn du vor Gott stehst, deinen Geist auf Ihn richtest. Und Gott verzeiht dir, weil du nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Schwachheit nicht so vor Seinem Angesicht erscheinen kannst, wie du solltest. Wenn du dich also so beherrschst, dann gehe nicht weg, bis du empfängst. Denn wann immer du bittest und nicht empfängst, geschieht es, weil deine Bitte ungehörig war, sei es ohne Glauben, sei es leichtfertig, sei es um Dinge, die dir nicht nützlich sind, oder weil du aufgehört hast zu beten. Aber manche erheben häufig den Einwand: „Warum beten wir? Weiß Gott denn nicht, was wir brauchen?“ Er weiß es zweifellos und gibt uns alle zeitlichen Dinge reichlich, noch bevor wir bitten. Aber wir müssen zuerst gute Werke und das Himmelreich begehren; und dann, nachdem wir begehrt haben, im Glauben und in Geduld bitten und in unsere Gebete alles einbringen, was uns nützlich ist, wobei wir von unserem eigenen Gewissen keiner Schuld überführt werden.