Theophylakt von Ohrid
Catena Aurea · Lukasevangelium 11
5 Dann sagte er zu ihnen: Wer von euch hat wohl einen Freund und geht mitten in der Nacht zu ihm und sagt: Freund, leihe mir drei Brote; 6 denn einer meiner Freunde ist auf der Reise zu mir gekommen und ich habe ihm nichts vorzusetzen -- 7 würde jener von drinnen antworten: Belästige mich nicht! Die Tür ist bereits geschlossen und meine Kinder und ich sind zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir (etwas) geben? 8 Ich sage euch: Wenn er auch nicht deswegen aufsteht und ihm gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er braucht.
Oder aber: Die Mitternacht ist das Ende des Lebens, zu dem viele zu Gott kommen. Der Freund aber ist der Engel, der die Seele aufnimmt. Oder die Mitternacht ist die Tiefe der Versuchungen, in der der Gefallene von Gott drei Brote erbittet, die Linderung der Nöte seines Leibes, seiner Seele und seines Geistes; durch die wir in unseren Versuchungen in keine Gefahr geraten. Der Freund aber, der von seiner Reise kommt, ist Gott selbst, der durch Versuchungen prüft, wer ihm nichts vorzusetzen hat und wer in der Versuchung geschwächt wird. Wenn er aber sagt: Und die Tür ist verschlossen, müssen wir verstehen, dass wir vor den Versuchungen vorbereitet sein sollen. Nachdem wir aber in sie hineingefallen sind, ist das Tor der Vorbereitung verschlossen, und da wir unvorbereitet gefunden werden, sind wir in Gefahr, wenn Gott uns nicht bewahrt.