
Ambrosius von Mailand
Catena Aurea · Lukasevangelium 1
26 Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret 27 zu einer Jungfrau gesandt, die mit einem Mann namens Josef aus dem Haus Davids verlobt war. Der Name der Jungfrau war Maria.
Die Schrift hat mit Recht erwähnt, dass sie verlobt war, ebenso wie dass sie eine Jungfrau war: eine Jungfrau, damit sie frei von jeder Verbindung mit einem Mann erscheine; verlobt, damit sie nicht mit der Schande befleckter Jungfräulichkeit gebrandmarkt werde, deren schwellender Leib offenbare Spuren ihrer Verderbnis zu tragen schien. Aber der Herr wollte lieber, dass die Menschen an seiner Geburt zweifelten als an der Reinheit seiner Mutter. Er wusste, wie zart die Schamhaftigkeit einer Jungfrau ist und wie leicht der Ruf ihrer Keuschheit angegriffen wird, und er dachte nicht, dass das Ansehen seiner Geburt auf dem Unrecht seiner Mutter aufgebaut werden sollte. Daraus folgt also, dass die Jungfräulichkeit der heiligen Maria ebenso unversehrter Reinheit wie auch unbefleckten Rufes war. Und es darf nicht durch eine irrige Meinung auch nur der Schatten einer Entschuldigung für lebende Jungfrauen bleiben, dass die Mutter unseres Herrn sogar scheinbar in üblen Ruf geriet. Denn was könnte den Juden oder Herodes vorgeworfen werden, wenn sie einen ehebrecherischen Sprössling verfolgt zu haben scheinen? Und wie könnte er selbst sagen: Ich bin nicht gekommen, das Gesetz aufzulösen, sondern zu erfüllen (Mt 5,18), wenn er seinen Anfang von einer Übertretung des Gesetzes genommen zu haben schiene? Denn die Nachkommenschaft einer Unverheirateten wird vom Gesetz verurteilt (Dtn 23,17). Ganz zu schweigen davon, dass auch den Worten Marias größerer Glaube geschenkt wird und die Ursache der Lüge beseitigt ist? Denn es könnte scheinen, dass sie, unverheiratet schwanger geworden, ihre Schuld durch eine Lüge beschönigen wollte; eine Verlobte aber hat keinen Grund zu lügen, da für Frauen die Geburt eines Kindes der Lohn der Ehe, die Gnade des Ehebettes ist. Ferner sollte die Jungfräulichkeit Marias den Fürsten der Welt überlisten, der, als er sie mit einem Mann verlobt sah, keinen Verdacht auf ihren Nachwuchs werfen konnte.