Theophylakt von Ohrid
Catena Aurea · Johannesevangelium 4
19 Die Frau sagte zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist. 20 Unsere Väter haben auf diesem Berg angebetet, aber ihr sagt, in Jerusalem sei die Stätte, wo man anbeten muss. 21 Jesus sagte zu ihr: Glaub mir, Frau, es kommt die Stunde, wo ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. 22 Ihr betet an, was ihr nicht kennt; wir beten an, was wir kennen, denn das Heil kommt von den Juden. 23 Aber es kommt die Stunde und sie ist schon da, wo die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden. Denn solche Anbeter sucht der Vater. 24 Gott ist Geist und alle, die ihn anbeten, müssen im Geist und in der Wahrheit anbeten.
Oder weil viele meinen, sie beteten Gott im Geist an, d. h. mit dem Verstand, die doch häretische Lehren über ihn festhielten, fügt er deshalb hinzu: und in der Wahrheit. Könnten sich die Worte nicht auch auf die zwei Arten der Philosophie bei uns beziehen, d. h. die tätige und die betrachtende; wobei der Geist für das Handeln steht, nach dem Apostel: Denn welche der Geist Gottes treibt (Röm 8,14), die Wahrheit aber für die Betrachtung? Oder (um eine andere Ansicht zu nehmen): Da die Samariter dachten, Gott sei an einen bestimmten Ort gebunden und müsse an jenem Ort angebetet werden, könnte unser Herr hier im Gegensatz zu dieser Auffassung lehren, dass die wahren Anbeter nicht an einem Ort, sondern im Geist anbeten. Oder wiederum, da im jüdischen System alles Typus und Schatten war, könnte der Sinn sein, dass die wahren Anbeter nicht im Typus, sondern in der Wahrheit anbeten werden. Da Gott ein Geist ist, sucht er geistige Anbeter; da er die Wahrheit ist, wahre Anbeter.